Forschungsprogramm

I. Vertiefung der kulturwissenschaftlichen Grundlagenreflexion an der Europa-Universität Viadrina und Universität Potsdam

Im Oktober 2005 ist an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und an der Universität Potsdam das DFG-Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen zur forschungsorientierten Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingerichtet worden. In seinem Titel verbindet es einen klassischen Sollwert der politischen Sphäre mit einem neuen Begriff, der auf die biopolitische Herausforderung der neueren Wissenschaften vom Leben reagiert. Lebenswissen trägt einem immanenten Verhältnis von Leben und Wissen Rechnung, das die Kulturwissenschaften von den Biowissenschaften ebenso unterscheidet wie von den klassischen Geisteswissenschaften. Die kulturwissenschaftliche Wendung der ehemaligen Geisteswissenschaften bricht mit deren Idee eines sich selbst transparenten Wissens im Namen des Lebens, aber sie fasst das Leben nicht wie die Biowissenschaften als funktionales Ablaufgeschehen, das von sich nichts weiß; Wissen und Leben sind untrennbar verknüpft und gegeneinander gespannt. Das wissenschaftliche Profil, die politische Konjunktur und die historische Archäologie dieser Konstellation von Wissen und Leben sind der kultur- und wissenschaftshistorische Gegenstand des neuen Kollegs. Das Kolleg richtet sich an Doktoranden und Postdoktoranden kulturwissenschaftlicher Disziplinen wie Philosophie, Literatur- und Kunstwissenschaft, Anthropologie, Soziologie und Geschichte, einschließlich Wissenschaftsgeschichte. Trotz des pointierten Interesses an einer Neuorientierung des Begriffs der Moderne sind Projekte zu Themen der Antike, des Mittelalters und der früheren Neuzeit erwünscht und nötig.

Das Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen führt mit dem Begriff des Lebenswissens einen für die Konstitution der Kulturwissenschaften entscheidenden neuen Begriff ein. Denn Kulturwissenschaften haben wesentlich jene Wissensform zum Gegenstand, die man – analog zum phänomenologischen Begriffsentwurf der „Lebenswelt“ – „Lebenswissen“ nennen kann. Dieser Gegenstand unterscheidet sie von den sogenannten „Lebenswissenschaften“ qua Biowissenschaften auf der einen Seite und der Lebens- und Kulturphilosophie, welche die Geistes- und Sozialwissenschaften einmal betrieben hatten, auf der anderen Seite. Enthält die kulturwissenschaftliche Untersuchung kulturellen Wissens implizit stets zugleich eine Bestimmung ihrer selbst, so soll dies unter dem Titel Lebenswissen in eine ausdrückliche Selbstreflexion der Kulturwissenschaften als Wissensform überführt werden. Dabei geht es nicht nur um eine Reflexion dieser Wissensform als die eines Wissens von und in Lebensformen, sondern als die eines Wissens als Lebensform.

Mit dem Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen werden Ansätze zu einer Neubestimmung der Kulturwissenschaften weitergeführt, die in den letzten zehn Jahren an der Europa-Universität Viadrina und der Universität Potsdam diskutiert worden sind. An der Universität Potsdam hat sich die Philosophische Fakultät ein kulturwissenschaftliches Profil unter dem Stichwort „Kulturelle Begegnungsräume“ gegeben, das die einzelnen Disziplinen vor die Herausforderung einer Selbstreflexion ihrer Gegenstände und Verfahren gestellt hat. Die Europa-Universität in Frankfurt an der Oder ist vom Wissenschaftsrat mit einer Kulturwissenschaftlichen Fakultät gegründet worden, deren Auftrag zur Grundlagenforschung sich das DFG-Graduiertenkolleg Repräsentation – Rhetorik – Wissen gewidmet hat. Schon seit der zweiten Phase ist dieses Kolleg mit Potsdamer Beteiligung betrieben worden und hat nicht nur thematisch, durch zunehmende Fokussierung des Komplexes Wissen, sondern kooperativ die Voraussetzungen für das zweite Brandenburgische Graduiertenkolleg unter dem Titel Lebensformen und Lebenswissen geschaffen. In Fortführung des Kollegs Repräsentation – Rhetorik – Wissen strebt das Kolleg Lebensformen und Lebenswissen eine Vertiefung der Grundlagenreflexion an den Kulturwissenschaftlichen Fakultäten des Landes an.

Der internationale Rahmen des Kollegs stützt sich auf ein bereits bewährtes internationales Netz verwandter und kooperierender Doktorandenprogramme wie der Amsterdam School of Cultural Analysis, des Poetics & Theory Program der New York University, der École doctorale des Institut Catholique de Paris sowie weiterer Institute in New York, Baltimore, Berlin, Basel, Verona, Chicago. In diesem Rahmen wird nicht nur ein punktueller Austausch, sondern eine kontinuierliche Zusammenarbeit in kompatiblen Teilen der Studienprogramme des Kollegs und seiner Partner betrieben.

II. Allgemeiner Untersuchungsrahmen: Lebensformen und Lebenswissen

Das Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen untersucht Theorien, Praktiken und Künste des lebensimmanenten Wissens. „Lebenswissen“ ist, in diesem Sinne verstanden, ein Wissen vom Leben, das im Leben gewonnen, formuliert, tradiert und zirkuliert wird. Im Konzept des Lebenswissens implizieren Leben und Wissen einander wechselseitig: Lebenswissen ist ein Wissen, das nur im Leben gewonnen werden kann, und bezieht sich auf ein Leben, das nur angeleitet durch Wissen geführt werden kann.

Das Kolleg gewinnt seine Perspektive auf diesen Gegenstand aus der Reflexion auf die Wissensbegriffe und Wissensordnungen der Moderne. Ihr Einsatz um 1800 ist durch das Projekt einer „Wissenschaft vom Leben“ gekennzeichnet. Damit war nicht nur ein neuer Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung gewonnen, sondern ein epistemologisches Modell formuliert, das bis zu den jüngsten Entwicklungen der Biowissenschaften den Begriff disziplinären Wissens insgesamt bestimmt hat. Weniger die neuzeitlichen Naturwissenschaften als vielmehr die „modernen“ Lebenswissenschaften wurden zum Modell der späteren Kulturwissenschaften. Zugleich geriet die epistemologische Modellierung der Kulturwissenschaften nach dem Vorbild der Lebenswissenschaften an eine Grenze. Sie ist markiert durch die wechselseitige Äußerlichkeit von Wissen und Leben in den Lebenswissenschaften: Denn dort bezieht sich das Wissen vom Leben von außen auf das Leben als sein Objekt; dort ist deshalb das Leben ein Geschehen, das von sich selbst nichts weiß. Das gilt in modifizierter Weise besonders für die Neubestimmung der Lebenswissenschaften als „Biowissenschaften“ in den letzten fünfzig Jahren. Zwar erscheint dort Leben auf „Information“ gegründet und sein Vollzug als Autopoiese gefasst, aber die „Information“ des genetischen Codes ist kein Wissen, das der lebendige Organismus von sich selbst haben könnte, und die Autopoiese kein Vollzug, von dem der lebendige Organismus wissen und einen Begriff haben könnte.

Gegen die allgemeine Idee einer „Lebenswissenschaft“, die hier zum Ausdruck kommt, richtet sich von Anfang an der Einspruch der Lebensphilosophie. „Lebensphilosophie“ ist dabei sowohl eine Strömung der Philosophie als auch der nicht immer eingestandene Hintergrund für eine Vielzahl kultureller Praktiken. Ihre ersten Artikulationsformen sind die ‘vitalistischen’ und ‘organologischen’ Konzepte der romantischen Naturphilosophie, in deren Gefolge Leben zum „Kampfbegriff“ gegen den Anspruch seiner wissenschaftlichen Erkennbarkeit wird. „Leben“ gilt der Lebensphilosophie als das grundsätzlich Nichterkennbare, ist das A- oder Irrationale.

Der lebensphilosophische Einspruch gegen die Idee einer Lebenswissenschaft hat jedoch nicht die Kraft, sie effektiv in Frage zu stellen. Denn unter der Oberfläche ihrer polemischen Entgegensetzung teilen sie das grundlegende Verständnis von Wissen und Leben. Dieses Verständnis, gegen das eine kulturwissenschaftliche Neufassung des Verhältnisses von Wissen und Leben profiliert werden muss, enthält zwei Elemente: die Äußerlichkeit des Wissens gegenüber dem Leben und die Fremdheit des Lebens gegenüber dem Wissen. Leben ist für beide, den experimentellen Zugriff wie die irrationalistische Anschauung, „bloßes Leben“ (Rickert, Benjamin, Agamben): ein Leben entblößt von jeglichem wissenden, sich selbst nicht nur bewussten sondern führenden, formenden Selbstbezug.

Im Ausgang von einem anderen Verständnis der Relation von Leben und Wissen, das sich im Begriff des „Lebenswissens“ manifestieren soll, erscheint Leben dagegen selbst als Form. Es wird kenntlich, dass Leben in keiner seiner Gestalten „bloßes“ Leben ist, sondern stets in einer bestimmten „Form“ auftritt (Plessner, Wittgenstein): Der Selbstbezug des Lebens ist der Bezug auf Leben in einer Form (oder durch seinen Selbstbezug hat das Leben eine Form). „Lebenswissen“ und „Lebensform“ sind einander wechselseitig definierende Begriffe: Das Wissen vom Leben richtet sich auf die Form des Lebens und bestimmt, worin die Form eines Lebens besteht.

Weil Lebenswissen normativ gehaltvolles Wissen von den (richtigen, guten) Möglichkeiten einer Lebensform ist, sind seine Praktiken, Künste und Theorien stets zugleich Konzepte der Lebensführung; alles Lebenswissen, und daher auch seine kulturwissenschaftliche Untersuchung selbst, gründet nicht nur in Lebensvollzügen, sondern entwirft Formen und Stile der Lebenspraxis. Auch darin stehen die Praktiken, Künste und Theorien des Lebenswissens im Gegensatz zu der Alternative von Lebenswissenschaften und Lebensphilosophie: Definieren die Lebenswissenschaften den Körper unter dem doppelten Blickwinkel von experimentell ermittelter Normalität und individueller, als Krankheit verstandener Abweichung (Canguilhem), so bildet der Körper unter der Perspektive lebensphilosophischen Verständnisses den invarianten Kern informell eingewöhnter Bewältigungsformen von „Leben“, die einem kritischen Zugang „von außen“ verschlossen bleiben müssen. „Bio-Politik“ (Foucault) oder „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) lautet die Alternative eines Verständnisses von Lebenspraxis, in der das Leben gleichermaßen als „bloßes Leben“ gilt: Gegenstand einer normalisierenden, erhaltenden und steigernden Verfügung oder ideologischer Bezugspunkt eines vorkritischen Essentialismus. „Bloßes Leben“ ist Leben diesseits oder außerhalb seiner Form; nur so kann es zum Gegenstand von Kontrolle und Regulierung oder Projektionsfläche des Anderen, Unverfügbaren werden. Leben in seiner Form dagegen ist ein Vollzug des Lebens in eigener Normativität und auf sie gerichteter Aktivität (Arendt). Das bezeichnet das Grundverständnis von Lebensführung im Konzept des Lebenswissens. Ebenso wie das Wissen vom Leben dem Leben immanent ist, kann die Führung des Lebens nur von innen geschehen.

III. Mögliche Gesichtspunkte der Untersuchung von Lebensformen und Lebenswissen

Mit dem Begriff des „Lebenswissens“ und seiner Absetzung von historischen wie aktuellen lebenswissenschaftlichen und lebensphilosophischen Konzepten will das Graduiertenkolleg einen heuristischen Rahmen schaffen, der eine Versammlung von Projekten erlaubt, die sich von unterschiedlichsten Seiten aus dem Beziehungsgeflecht von Leben und Praxis, Wissen und Darstellung widmen. Diese Untersuchungen können im Rahmen unterschiedlicher transdisziplinärer Zuschnitte ihre Form finden und sich dabei auf verschiedene Elemente oder Teilmomente dieser Konstellation beziehen. Der Zusammenhang von Leben, Praxis, Darstellung und Wissen wirft Fragen auf, die in diesem Sinne unter einer Mehrzahl von Gesichtspunkten betrachtet werden können und eine Reihe von Perspektiven auf diese Konstellation ermöglichen: praktisch-ethische (1), rhetorisch-darstellungstheoretische (2), philosophisch-anthropologische (3), sowie den dazugehörigen angewandten ethnologisch-geopolitischen, literatur- und medienhistorischen Aspekten (4).

1. Normativität lebendiger Praktiken
Der Begriff der Lebensform hat eine normative Dimension, jedoch eine strikt immanente Normativität, ohne transzendentale Gültigkeit. Er bezieht sich darauf, was in einem Leben und für es gut und richtig ist (Canguilhem). In der philosophischen Diskussion über die Normativität menschlicher Praktiken ist zwar der Rekurs auf „Lebensformen“ im Anschluss an Wittgenstein üblich, die spezifische Lebendigkeit dieser Normativität und die Weise ihrer Immanenz ist aber alles andere als geklärt. Neben der an Wittgenstein orientierten Diskussion (Cavell, Thompson) ist die an Canguilhems Vorschlag orientierte Diskussion zu beachten, worin das Leben nicht einfach als Normen unterliegender, sondern als normativ Normen hervorbringender Prozess aufgefasst ist, der den eigenen Bestand an Normen stets auch unterläuft. Es deutet sich hier ein anderes Verständnis von Normativität an, das auf die Dynamik, Immanenz und Brüchigkeit der Formen menschlichen Lebens, der Weisen, wie es sich selbst formt und geformt wird, eingestellt ist. Es ist ein Verständnis, das Canguilhem der historischen Rekonstruktion den Lebenswissenschaften selbst abgewonnen hat. Es ist am heutigen Stand der Diskussion abzulesen, dass die Lebenswissenschaften mit dieser Normativität in einem uneingestandenen Konflikt stehen, wobei sie die in sich selbst wieder historisch kontingente Kontingenzerfahrung, auf die sie treffen, verdecken. Ebenso stellt sich aber auch die Frage, ob Lebenswissen tatsächlich im Ganzen nach dem Modell praktischen Wissens zu denken ist, insoweit Lebenswissen nicht bloß die Summe verschiedener Stücke praktischen Wissens ist, sondern praktisches Wissen zugleich reflektiert und in dieser Reflexion über das praktische Wissen hinausgeht. Das wirft die Frage auf, welche Form und welchen Charakter die reflexive Natur des Lebenswissens besitzt, inwieweit es etwa zu verstehen wäre als geleitet durch die ethische Frage nach dem Guten und inwieweit ein so verstandenes praktisch-ethisches Lebenswissen auf eine Lebensform (vgl. z.B. Wittgenstein, Agamben) bezogen ist. Der Begriff des Lebenswissens, eines Wissens, das dem Leben, auf das es sich richtet, immanent ist, gewinnt Profil in seiner Absetzung von jenen Lebensbegriffen, die in den Lebenswissenschaften und der Lebensphilosophie geprägt worden sind und die in dem Merkmal übereinzukommen scheinen, dass Leben und Wissen einander äußerlich sind. Wenn man die Lebensphilosophie, die von Bergson und Dilthey bis zu Simmel oder gar Klages ein äußerst weites Spektrum aufweist, in der Tendenz als Reaktionsbildung auf die aufsteigenden Biowissenschaften versteht, so stellt sich die Frage, in welchem Maße sie einerseits an dem Abgelehnten partizipiert und inwieweit sie andererseits Möglichkeiten eines Lebenswissens, das kein äußerliches Wissen eines verobjektivierten Lebens ist, ankündigen mag.

2. Ökonomien der Latenz
Unterliegen Lebensformen durch ihre immanente Normativität mithin einer Dialektik von Allgemeinem und Partikularem, deren Erscheinungsformen in zeitlicher wie räumlicher Perspektive zu untersuchen sind, so ist das in einem weiteren Schritt nicht alles und kann es auch als Kontingenzaufkommen im Bewusstsein der Vollzüge nicht bleiben. „Bloßes Leben“, ein Leben bar seiner Formen, ist nicht nur ein Resultat lebens- oder biopolitischer Reduktion, sondern ein Vexierbild gesteigerten oder überforderten Kontingenzbewusstseins. Praktisch gebrochenes Wissen dagegen eignet eine nie völlig durchschaubare, unabsehbare Ökonomie der Dezentrierung und Begrenzung, sowie der Zirkulation, Unterbrechung und Verzerrung. Die Berücksichtigung der genauen Aggregatzustände und Formen von Wissen schärfen die Gegenstände wissenschaftlicher Untersuchungen in ihren Konturen und heben diese auf ein neues Niveau der Bearbeitung. Dies betrifft die von Lebenswissen geformte Ökonomie der Diskurse zwischen Literatur, Philosophie und Wissenschaft in ihren Gattungen. Ihre mehr oder minder aufeinander abgestimmten, konkurrierenden und widersprüchlichen Rollen sind sowohl durch historischen Wandel gezeichnet als sie auch zugleich geschichtsbildend wirken, und sie sind in diesem Sinne poietischer Natur. In den kontingenzgeprägten Wissensformen des Noch-nicht-ganz- und des Nicht-gut-nicht-Wissens, des Ahnens und Erinnerns, des Durcharbeitens und Überarbeitens, dese Verstellens und Überhöhens (kurz der Arbeit am Mythos frei nach Blumenberg) spielt Latenthaltung und Bewältigung des kontingent-möglichen, sowie des Unerwarteten die zentrale Rolle: ein ökonomisches Zusammenspiel von Strategien, Kontingenz im Netzwerk der Diskurse aufzufangen, zu kanalisieren, zu nutzen, zu genießen. Zentral ist die Erforschung des Halbschattens von Lebens- und Halbwissens, sowie seiner sprachlichen Verfassung (de Man, Brandom), der reflexiven Mechanismen (Luhmann), sowie der Formen rhetorischer Institution (Quintilian), d.h. die Erforschung der Logiken, Syntagmen und Figuren in ihrer Rückwirkung und Rückbindung an die Lebenswelt und lebensweltliche Vollzüge, deren wissensrelevanter Niederschlag wiederum den Motiv- und Motivierungshaushalt von Theoriebildung ausmacht.

3. Anthropologien der Zeit
Praktiken des Lebenswissens haben aber auch eigenzeitliche Dimensionen. Von den Modi des lebendigen Charakters solcher Praktiken – vom Unmittelbaren, Spontanen und Direkten – lassen sich die Modi ihres artikulierten Wissenscharakters – dem dazu Mittelbaren, Reflexiven und Indirekten – unterscheiden. In der Differenz zwischen diesen Wissensmodi und jenen Lebensmodi erhält jede, auch die gebrochenste und bedrohteste Praxis des Lebenswissens ihre zeitliche Struktur. Mit der Inkongruenz zwischen den Lebens- und Wissensmodi kann und muss in den Praktiken und Praxisformen verschieden umgegangen werden, um deren Funktion aus einer Beobachterperspektive oder deren Wert aus ihrer Teilnehmerperspektive im Ganzen erfüllen zu können. Die Inkongruenz schafft das Problem der richtigen Phase, in der Lebensmodi den Wissensmodi geöffnet und Wissensmodi an die Lebensmodi rückgeführt werden. Darauf antworten Rhythmen, in denen Tätigkeiten zu wechseln oder zu verknüpfen sind, die nacheinander aneinander anschließen sollen. Die jeweilige Praxis bildet so ihre eigenzeitliche Grenze aus, in der ihre Struktur gerichtet auf Erfüllung fungiert. Sowohl ihre Öffnung (in Wissen) als auch ihre Rückkopplung (in Leben) können zu früh (übereilt) oder zu spät (verpasst, versäumt) erfolgen. Wissen kann veralten, absterben oder erneuert und verlebendigt werden. Leben kann zur rechten oder falschen Zeit nicht gewusst oder gewusst, darunter habituell (implizit) oder artikuliert (explizit) gewusst werden. Leben kann sich (in Schock, Panik, Rausch) seinem Gewusstwerden entziehen. Wissen kann lebensfremd, lebensfeindlich, Lebensersatz werden. Indem die Erfüllung aufgeschoben wird, kann die Praktik fortgesetzt werden, aber eben doch nur in Grenzen. Enthält der Aufschub keinerlei Erfüllung mehr, kann die Praktik wegen Entzuges nicht mehr kontinuiert werden. Diesen Varianten der Auflösung der eigenen Grenze kommen die Praktiken intern durch „laufende“ Grenzverschiebungen zuvor und entgegen. Seit Jaspers hat sich die Aufmerksamkeit für „Grenzerfahrungen“ und „Grenzsituationen“ eingebürgert, an denen Grenzverschiebungen umso leichter zustande kommen, je mehr und je verschiedenartigere Praktiken aufeinander stoßen und in den Abgrenzungen von profan/sakral, privat/öffentlich, individuell/generationell geschiedene Bereiche bilden. Die weitreichende Verschiebung der Grenzen menschlichen Lebens heute, die durch neue Formen der Bio-Macht und der Bio-Politik (Foucault) hervorgebracht wird, verlagert so auch den Blickpunkt auf Anthropotechniken zur Bestimmung des Anfangs und Endes menschlicher Leben. Gleichwohl erfordert diese Verschiebung eine geschichtlich neue Fassung des Zusammenhanges zwischen dem Natur-, Sozial- und Kulturwesen der Spezies Mensch für jedes ihrer Individuen. Es gilt erneut einen lebenspraktisch-geschichtlichen Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlich-technischer „Erstnatur“ und der soziokultur-historischen „Zweitnatur“ menschlicher Lebewesen herzustellen, sowie eine komplexe Theorie gestufter Selbstreferenz auszuarbeiten, die für die Spezifikation menschlicher Lebewesen in der Phänomenologie des Lebendigen nötig ist. So wird eine auch juristisch fassbare Minimalanthropologie (Plessner) absehbar, die für die Selbstspezifikation der Lebensführung im Ganzen die nötigen Potentialitätsminima bezeichnet.

4. Kulturen der Bewegung und Zirkulation von Kultur
Für die literarische und kulturanthropologische Analyse mit einem gesteigerten Bedarf an Raffiniertheit, wie für die Normalform der bereichsspezifischen Diskursanalysen insgesamt wird Moderne als radikalisierte Beschleunigung zur Normalität. Die „Beschleunigung des Lebens“ (Simmel) ruft Ideale einer „heroischen Moderne“ auf den Plan (Kittsteiner), in der Moderne als Ermöglichung ihrer künftigen Selbst-Revision und Revidierbarkeit verstanden wird (Koselleck). Mechanismen, durch die sich eine solche Moderne stabilisieren lässt, wird auf binäre Schematismen bzw. Dualismen verweisen. Sie reduzieren die Komplexität der Umwelten und transformieren Unwahrscheinliches in wahrscheinlich Reproduzierbares, wodurch Sinn als „temporalisierbar“ entschärft wird (Luhmann). In solchen Versuchen wird in Anspruch genommen, dass es unter bestimmten Bedingungen auch hätte anders kommen können. Die Geschichte erscheint nun nicht mehr in einem zwanghaften Nacheinander von Zivilisationsbrüchen begriffen und begreifbar, und es geht nicht mehr um eine Festschreibung der Moderne, sondern darum, die Moderne selbst auch künftig in der Revision zu halten. Konflikte im Grundmuster der eingespielten Kontingenzbewältigungen zwischen kulturellen Minima und lebenswissenschaftlicher Problemrhetorik müssen sich dieser Revisionsarbeit unterwerfen. Soweit lässt sich, überraschenderweise vielleicht, vom Kollegstand her dem viel beschrienen Ethikbedarf ohne viel kulturwissenschaftliche Umstände schon jetzt entgegenkommen. In ethnologisch-geopolitischer Hinsicht liegt es besonders nahe, das Augenmerk auf die Lokalität von Lebenswissen zu richten. Die herkömmliche anthropologische Forschung ging von dem selbstverständlichen Nexus von Lebenswissen und Lokalität aus. Vor dem Hintergrund der aktuellen Phase beschleunigter Globalisierung wäre danach zu fragen, welche spezifische Form Lebenswissen annimmt, wenn es als entbettetes Wissen vorkommt. Wie lässt sich ein buchstäblich migratorisches Wissen fassen, das sich aus Prozessen der Delokalisierung speist und – auch in der Form von Überlebenswissen – Antworten auf teilweise dramatische Entwicklungen zu geben versucht? Innerhalb eines solchen Fragekontexts kommt dem Bereich künstlerischer und insbesondere literarischer Repräsentation eine große Bedeutung zu (siehe Clifford, Gilroy, Hall). Im Feld literarischer Fragen gewinnt unter einem implizit medienhistorischen Gesichtspunkt neben der Eigenzeit des einzelnen Lebens auch die über längere Zeiträume erstreckte zeitliche und distributive Struktur des kollektiven Lebenswissens besondere Relevanz. Auch in stark differenzierten Gesellschaften erfolgt das Abgleichen der eigenen Erfahrung mit dem Wissen anderer im Alltag, in dem das Individuum nicht nur lernt, dass es ein plurales Angebot an Antworten gibt, sondern gleichzeitig in die jeweils gültigen Sprachen des Lebenswissens initiiert werden muss. Auf diese Weise ‘zirkuliert’ (Greenblatt) Lebenswissen in einer Gruppe, in einer Kultur, und ist daher geprägt von ‘Tausch’ (Haselstein) und einer Spannung von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit. Vor diesem Hintergrund wäre danach zu fragen, welche geschichtliche Dynamik diese dialektische Grundstruktur von kulturell vorgeprägten Formen und individuellen (Um-)Gestaltungen zeitigt, und besonderes Augenmerk wäre auf die Frage zu richten, inwieweit die geschichtliche Dynamik von den jeweils gegebenen technisch-medialen Dispositiven und von den jeweiligen Wissensbegriffen und Wirklichkeitsbegriffen abhängt.

IV. Summary

The Doctoral Program (Graduiertenkolleg) Lebensformen und Lebenswissen – tentatively to be translated as Forms of Life and the Know How of Living – introduces and investigates a concept, Lebenswissen, that may be considered as constitutive of Kulturwissenschaft: the „know how“ of life is one of the central concerns of cultural analysis. The kind of knowledge called Lebenswissen is neither identical with that of the Bio- or Life Sciences, nor does it coincide with the older philosophies of life and culture as advocated for more than a century by Humanities and Social Sciences alike. The objectivism of the bio-sciences refers to life as a functional process without necessity of any knowledge of itself. It is „aware“ of itself only in a metaphorical sense, to the extent, namely, that functional processes are self-referential. Contrary to this functional limitation of self-referentiality, cultural analysis deals with life in its social forms as „forms of life“ in which consciousness, practice and responsible action are developed and stabilized in routines and experiences, concepts and metaphors, texts and images, laws and norms, archives and traditions. In the older humanities and social sciences, traditional interest in human knowledge took the embeddedness of individual features, conceptions and dynamics, for granted; in proceeding from what counts as given in forms of life, the concept of life itself as constructed and transmitted „reality“ escaped scrutiny. Only recently, cultural analysis came to develop a more acute sense of internal and external differentiation in the plurality and alterity of cultural and intercultural processes. Culture exists, it is enacted and transformed in forms of life whose know how persistently copes with incompleteness and openness, performance and failure to perform, knowing and not being able to know, denial and repression of what we cannot just not know.

Suspended in tensions and ruptures between forms of life and ways of knowing, culture is not merely the subject matter of cultural analysis, but the analysis is part of what is analyzed, and this embeddedness is part of the knowledge in question, the epistemological status of its knowing how. In the thematization of Lebenswissen, the self-conception implicitly contained in every analysis of cultural knowledge is to be transformed into an explicit self-reflection of Cultural Analysis not only as a form of life but as a form of knowing. In continuation of the Doctoral Program Representation – Rhetoric – Knowledge, the Program Forms of Life and the Know How of Living serves the methodological foundation of the Faculties of Kulturwissenschaft in Brandenburg. In deepening the theoretical reflection of a new constellation of Forschung und Lehre, the Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen attempts, in a new practice of theory, a new conception of cultural knowledge.