Kollegiaten der ersten Phase

Lisa Åkervall [la[at]dyss.net]
Stipendiatin, 10.2005 – 09.2008
Kinoerfahrung, Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit

Das Projekt nimmt die konstituierende Spannung kinematographischer Erfahrung in den Fokus: Auf der einen Seite rekurrieren Filmemacher und Filmtheoretiker auf die paradoxe Figur der „Vermittlung des Unmittelbaren“ als Charakteristikum der Kinoerfahrung. Analog zu den ästhetischen Avantgarden gibt das Kino das romantische Versprechen, die Grenzen zwischen Kunst und Leben, sowie die Subjekt-Objekt-Dichotomien der anderen Künste aufzulösen. Auf der anderen Seite wird diese Figur des Unmittelbaren von einer unheimlichen Dimension durchkreuzt, welche aus der Verschränkung von Nähe und Distanz, Sichtbarem und Unsichtbarem, Manifestem und Latentem herrührt, die der Kinoerfahrung wie dem Unheimlichen selbst zu eigen ist. Diese Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit soll im vorliegenden Projekt auf mehreren Ebenen nachgezeichnet/extrapoliert werden. Die Dimension des Unheimlichen soll dabei zum einen als Charakteristikum der Kinoerfahrung als solcher untersucht werden. Zum anderen möchte sich das Projekt spezifisch kinematographischen Strategien des Unheimlichen zuwenden. Schließlich sollen die Eruptionen des Gespenstischen im Kino als ästhetische Reaktionsweisen und Reflexionen auf die prekäre Situation moderner Subjektivität verstanden werden. Ziel ist es nachzuzeichnen, auf welche Art und Weise das Kino – in der Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit – spezifische ästhetische Formen und Theorien entwickelt hat, das Gespenstische moderner Erfahrung zu thematisieren und somit stets auch ein ethisches Programm verfolgt.


Marcella Biasi
Stipendiatin, 10.2005 - 03.2008
Dinglichkeit und Überspannung. Eine Untersuchung des Eigenpotentials der Sprache in der modernen Lyrik

Im Jahre 1964 findet das Kolloquium Poetik und Hermeneutik mit dem Titel „Lyrik als Paradigma der Moderne“ statt. Das Kolloquium ist einerseits die Summa der bisherigen theoretischen Auseinandersetzungen mit der Frage nach der Kraft der modernen Lyrik, die eigenen Kategorien zu sprengen und gerade aus ihrer Struktur heraus einen neuen Modus der Sinnproduktion herzustellen (z.B. Heidegger und Hugo Friedrich); andererseits ist es aber auch der Startpunkt einer insistenten Suche nach dem spezifischen Potential einer Lyrik, die in der Vibration zwischen rezeptionsästhetischen Moment und Überspannung der Potentialität der Sprache – sprich: in der Verdinglichung derselben - ihr wahres, bei aller Sinnsprengung sinnstiftendes Potential erblickt (Blumenberg, Weinrich, Iser). Die Arbeit untersucht den Drang nach der Verdinglichung sprachlicher Potentialität und nach Überkreuzung der sprachlichen Strukturen anhand der Schriften Paul Celans und Paul Valérys über Lyrik, sowie an deren paradigmatischen Hermeneuten (Beda Allemann, Werner Hamacher, Jacques Derrida für Celan; Geoffrey Hartmann, Jacques Derrida und Anselm Haverkamp selbst für Valéry). Dass der kollektive Anspruch auf Dinglichkeit eine wesentliche und hochproduktive Strategie der modernen Sprachkunst ist, wird schließlich an der Arbeit von Roger Caillois, insbesondere an seinen poetisch-mineralogischen Schriften über Steine gezeigt.

Postdoktorandin, 1.10.2009 - 30.9.2011
Poïesis, humanitas, veritas. Implikationen des phronesis-Begriffs von Giovanni Battista Vico in den Poetologien der modernen Lyrik

Das Forschungsprojekt geht von dem theoretischen Komplex des verum esse ipsum factum von Giambattista Vico (Neapel 1668-1744) aus und versucht, auf dieser philosophisch-rhetorischen Grundlage die Theorien der modernen Lyrik (etwa 1930 bis 1970) und ihre sprachphilosophischen Implikationen in einer "humanistischen", durch den phronesis-Begriff geprägten Perspektive zu untersuchen.

An Vico wird aus einem spezifisch sprachlich-lyrischen Interesse heraus gearbeitet: Der verum-factum-Komplex impliziert für ihn - aus lyriktheoretischer Sicht betrachtet - nichts Geringeres als die Möglichkeit einer poetologischen Erneuerung der humanitas durch die Sprache. Zwei Begriffe scheinen dabei grundlegend zu sein: phronesis, die regenerierende humanistische Instanz praktischer Weisheit, und mimesis, zugleich Potential der Nachahmung und Möglichkeit der Repräsentation. Die Grundidee ist, dass der phronesis- mimesis-Begriffskomplex schon bei Vico eine dezidierte, im modernen Sinne sprachtheoretische Kontur hatte und als poetologisches Modell fundamentale Auswirkungen auf die europäischen Lyriktheorien des 20. Jahrhunderts hatte.

Ziel der Arbeit ist es, genau diese Auswirkungen zu untersuchen und die - nur selten manifeste - Rolle von Vicos Sprachtheorie in der Entwicklung des Lyrikbegriffs bis zur seinem Höhepunkt in Gestalt der lyrischen krisis in der modernen Dissonanz zu erörtern.


Carolin Blumenberg [carolinblumenberg[at]gmx.de]
Stipendiatin, 01.10.08 - 30.09.12
Das anatomische Theater: Über die Beispiele und das Darstellungsproblem bei Kant

Meine Dissertation fragt nach dem Verhältnis zwischen Kants philosophischem Begriff des Beispiels und seinem rhetorischen Beispielgebrauch. Anhand einiger Fallstudien sollen Kants Beispiele, die oft bis zur Unsichtbarkeit verkürzt sind, in ihrer narrativen Dimension und ihren historischen Verweisen entfaltet und so einer Analyse zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig möchte ich klären, was Kant unter einem Beispiel versteht und welchen systematischen Ort er den Beispielen im Rahmen der Transzendentalphilosophie zuweist. Inwiefern fügen Kants Beispiele ihrer Definition etwas hinzu, was in dieser nicht formuliert ist bzw. inwiefern ist der Begriff des Beispiels seinerseits paradigmatisch bestimmt? Und in welcher Weise spiegeln Kants Beispiele ihre philosophische Bestimmung oder inwiefern widersprechen sie ihr auch? Wie verhält sich hier die philosophische Theorie zu ihrer eigenen rhetorischen Praxis?

Ausgehend von der Annahme, dass auch das Konzept des Beispiels eine Geschichte hat und sich in der Aufklärung wandelt, versteht sich die Arbeit sowohl als Beitrag zur Kantforschung als auch als Beitrag zu einer Philosophie des Beispiels.


Carolin Bohn [caro.bohn[at]gmx.de]
Stipendiatin, 01.10.2008 - 29.02.2012
Assoziierte, 01.03.2011 - 31.08.2011 (Stipendiatin des DFKs)
Dichtung als Bildtheorie: Lessing und die Folgen

Lessings Laokoon. Oder über die Grenzen der Malerei und der Poesie (1766) hebt die Mediengebundenheit der Künste und ihre konkrete zeichengebundene Kompositionstechnik hervor, die sie jeweils in Zeit oder Raum streckt. Doch auch wenn Lessing Malerei und Dichtkunst in ihrer Ausführung unterscheidet, bleibt der Ausgangspunkt seiner Schrift die ut pictura poesis-Regel. Er sieht die beiden Künste durch ihr gemeinsames Telos verbunden, denn wie die Malerei ziele die Poesie darauf, eine Illusion zu erschaffen: Von hier aus schlägt mein Projekt eine (Re-) Lektüre des Laokoons vor, die sich besonders auf die Darstellungsweise des Verhältnisses von Wort und Bild/ Poesie und Malerei konzentriert. So wird nicht die erfolgreiche Grenzziehung zwischen den Künsten berücksichtigt, sondern ihr detailliert und kompliziert ausgelotetes, im Paradox entfaltetes Verhältnis zueinander hervorgekehrt. Anhand Lessings Darstellung der Bezugnahmen kristallisiert sich ein ästhetisches Verständnis heraus, das weniger darauf eingeht, wie Illusion medial produziert wird, sondern was der „lebendigen Darstellung“ jeweils vorausgeht und sie überhaupt ermöglicht. Wie demnach beide Künste sich gegenüber einer latenten Struktur verhalten und aus dieser Latenz erst ihre ablesbare jeweilige Wirkung erzielen, wird im Projekt in Augenschein genommen.

Die seine Darstellungstheorie bergende Verfahrensweise Lessings soll in einer detaillierten, buchstäblichen Lektüre in Bezug auf die Inszenierung der Wort-Bild-Verhältnisse und der „ut-pictura-poesis“-Regel nachvollzogen werden. Besonders die paradoxen Spannungsverhältnisse und der metapherntheoretische Aspekt des (vorgeblich zurückgewiesenen) Poetischen Gemäldes werden hervorgehoben und Lessings Illusionstheorie und Nachahmungsästhetik im Sinne/Kontext einer mimesis-Theorie gezeichnet. Wie verhält sich dieses auf der Struktur eines Paradoxons gründende Konzept von Ästhetik zu dem Diderots und wie ist es im Ästhetik-Diskurs des 18. Jahrhundert zu verorten?


Fabian Börchers [boerchers[at]freenet.de]
Assoziierter, 05.2006 -09.2008
Die Tat des Als-gut-Erkennens. Über den Formunterschied von theoretischer und praktischer Vernunft

Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, die traditionsprägende Annahme in der westlichen Philosophie, dass der Mensch sich als vernünftiges Wesen unter anderem dadurch auszeichnet, dass er dazu in der Lage ist, Handlungen zu vollziehen und diese Handlungen daher wesentlich als Vernunftausübungen zu verstehen sein müssen, auf ihre Denkbarkeit zu untersuchen. Insbesondere wird in der Arbeit die Frage gestellt, inwiefern das menschliche Handeln als eine genuin eigene Form der Vernunftausübung verstanden werden kann oder ob es in seinem Verständnis als vernünftiges Tun letztlich auf ein Verständnis vom vernünftigen Denken zurückgeführt werden kann (etwa so, dass man das vernünftige Handeln als Umsetzung eines Nachdenkens darüber, was es zu tun gilt, begreift). These der Arbeit ist, dass dies nicht möglich ist, sondern dass man vielmehr das Handeln nur dann als vernünftig verstehen kann, wenn man auf Aristoteles Idee eines praktischen Schlusses zurückgreift, der in der Arbeit in Anlehnung an einen Gedankens G.E.M. Anscombes dergestalt verstanden wird, dass er nicht dem Inhalt, sondern der Form nach verschieden vom „theoretischen“ Schluss ist. Diese Idee eines „formalen Unterschieds“ zwischen theoretischer (sich im Denken manifestierender) und praktischer Vernunft wird in der Arbeit in der Diskussion verschiedener philosophischer Ansätze (Aristoteles, Hume, Anscombe, Davidson) erläutert.


Jasper van Buuren [vanbuuren.phil[at]gmail.com]
Stipendiat, 1.10.2008 - 30.9.2011
The Body as Object: Materialism, Physical Reality, and the Structure of the Phenomenal World

In my dissertation I examine the relationship between physical reality and the phenomenal world by focusing on the body proper. The first position under discussion is Daniel Dennett’s materialism. Dennett is right that physical reality is indeed real and that our bodies are part of that reality, but he is wrong to reduce first-person experience and the structure of the phenomenal world to this objective, physical reality.
My criticism of Dennett leads to two problems. Firstly, if I want to defend Dennett’s physical realism, I have to show that the world, including the body proper, has some physical aspect to it which is real. Secondly, if I want to take seriously our first-person experience of the world, I have to support that the phenomenal world is also real, and that our bodies are both part of this world and open to it. These two problems together amount to the task of reconciling phenomenal and physical realism.
In order to accomplish this task I turn first to Maurice Merleau-Ponty and then to Helmuth Plessner. In contrast with Dennett, Merleau-Ponty defends the view that the human body is primarily a subject open to a phenomenal world. Sometimes he also affirms that our bodies are objects within this world. This is a step in the right direction. However, the body is then always thematized as an object of the same phenomenal world the subject is open to. It is our body as we perceive it, or the body of which we are tacitly aware in our sensorimotor actions. Merleau-Ponty embraces phenomenal realism but he rejects physical realism. Consequently, he does not account for the body as an object of physical reality.
Should we then give up on physical realism? I argue that there are two types of events which confront us with the existence of a physical reality beyond the phenomenal world. The first is natural disasters and the second is perceptual illusions. We can only fully understand these types of events if we accept that both the phenomenal world and physical reality are real. This affirms that we need to reconcile phenomenal and physical realism. I show that Plessner’s philosophy offers the framework to do just that.


Jasper van Buuren [vanbuuren.phil[at]gmail.com]
Postdoktorant, 1.4.2013 - 31.12.2013
The philosophical-anthropological foundations of Bennett and Hacker’s critique of neuroscience

My project consists of one article, to be published in a peer reviewed journal, about Bennett and Hacker’s critique of neuroscience. Bennett and Hacker criticize a number of neuroscientists and philosophers for attributing capacities which belong to the human being as a whole, like perceiving or deciding, to a “part” of the human being, viz. the brain. They call this type of mistake the “mereological fallacy”. Interestingly, the authors say that these capacities cannot be ascribed to the mind either. They reject not only materialistic monism but also Cartesian dualism, arguing that many predicates describing human life do not refer to physical or mental properties, nor to the sum of such properties. I agree with this important principle and with the critique of the mereological fallacy which it underpins, but I have two objections to the authors’ view. Firstly, I think that the brain is not literally part of the human being, as suggested. Secondly, Bennett and Hacker do not offer an account of body and mind which explains in a systematic way how the domain of phenomena which transcends the mental and the physical relates to the mental and the physical. I first argue that Helmuth Plessner’s philosophical anthropology provides the kind of account we need. Then, drawing on Plessner, I present an alternative view of the mereological relationships between brain and human being. My criticism does not undercut Bennett and Hacker’s diagnosis of the mereological fallacy but rather gives it a more solid philosophical-anthropological foundation.


Constanze Demuth [constanzedemuth[at]gmx.de]
Stipendiatin, 10.2005 - 09.2008
Selbstverwirklichung bei Stanley Cavell. Zum Verhältnis von Ausdruck und Normativität

Wie ist gelingendes menschliches Leben möglich? Diese philosophische Grundfrage steht unter einem Doppelaspekt: Gelungenes Leben setzt sowohl durchdachtes Handeln als auch ein Denken über bloße, abstrakte Verstandesreflexion hinaus voraus. Ziel der Arbeit ist es, diesen Doppelaspekt in paradigmatischen Lektüren ausgewählter Texte des amerikanischen Gegenwartsphilosophen Stanley Cavell unter einer sprachphilosophisch-ethischen Perspektive zu beleuchten. Dabei soll sowohl die Möglichkeit des Gelingens wie auch die Herausforderung, mit der dieser Anspruch uns in der Gegenwart konfrontiert, akzentuiert werden. Sprechen hat sowohl einen performativen Aspekt als auch einen symbolischen Aspekt des Bedeutens, ist also Handeln und Denken. Daher kann Sprechen als exemplarische Form menschlicher Selbstverwirklichung betrachtet werden. Wie sprechen? Diese Frage ist sowohl für die Analysen Cavells als auch für ihre spezifische Form bestimmend, und bildet den Fokus des Projekts.


Thomas Dikant [dikant[at]gmx.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Landschaft und Territorium: Zur Erfahrung des Raums in der U.S.-amerikanischen Literatur, 1784 - 1866

Ausgangspunkt meiner Dissertation ist die Frage, auf welche Art und Weise die Erfahrung des Raums Nordamerikas in der U.S.-amerikanischen Literatur zwischen der amerikanischen Revolution und dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs dargestellt und geformt wurde. Diese literarischen Figurationen und Produktionen des Raums erschließe ich, indem ich die Landschaft und das Territorium einander gegenüberstelle, zwei diskursive Formationen, die in den Jahren von 1784 bis 1866 von zentraler Bedeutung waren. Ende des 18. Jahrhunderts tritt die Landschaft als ästhetischer Diskurs in Erscheinung, der im 19. Jahrhundert in den USA eine zentrale Rolle als Medium nationaler Identitätsstiftung erlangt, das politische wie auch religiöse Diskurse naturalisiert und den Raum Nordamerikas (re-)codiert. Zur gleichen Zeit, genauer im Jahre 1784, entsteht der spezifisch U.S.-amerikanische Diskurs der Territorialisierung, welcher reguliert, wie das immer wieder neu im Westen dieses souveränen Nationalstaats angeeignete Land (re-)strukturiert und welche Lebensform dort implementiert wird. Territorium verstehe ich dabei sowohl in diesem historischen Sinne wie auch als ein räumlich begrenztes Gebiet, das von einem Individuum oder einer Körperschaft kontrolliert wird. Während das erste Kapitel das Erscheinen dieser beiden Formationen, Landschaft und Territorium, in ihrer Interrelation an Hand der Schriften Thomas Jeffersons nachzeichnet, wird im zweiten Kapitel mittels James Fenimore Coopers historischen Roman "The Pioneers" die Relation der aus einer nationalen Landschaftsästhetik heraus konstituierten Nationalliteratur zur territorialen Aneignung ausgearbeitet. Bei Ralph Waldo Emerson verkompliziert sich das Verhältnis von Individuum und Nation, Landschaft und Besitz in dem Sinne, dass Landschaft als zentrales Beispiel seiner Naturästhetik eine spezifische Lebensform impliziert, welche nunmehr anders als bei Jefferson und Cooper in einem Spannungsverhältnis zu den territorialen Praktiken der Nation steht. Im letzten Kapitel untersuche ich an Hand von Melvilles Bürgerkriegslyrik, was literarisch geschieht, wenn der bislang latent gehaltene territoriale Ursprung der Landschaft im Krieg Evidenzcharakter gewinnt und die Erfahrung des Raums formt.


Julian Drews [jdrews[at]uni-potsdam.de]
Assoziierter, 1.10.2008 - 30.9.2011
Lebenswissen in autobiographischen Texten europäischer Wissenschaftler um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Wilhelm Ostwald und Santiogo Ramón y Cajal

Der Chemiker Wilhelm Ostwald (1853 – 1932) und der Histologe Santiago Ramón y Cajal (1852 – 1934) sind herausragende Vertreter ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen. Ostwald erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie, Cajal 1906 den für Medizin. Beide setzen ihre Forschung zu zentralen kulturellen Fragestellungen des Europas der Jahrhundertwende in Beziehung. Ihre umfangreichen autobiografischen Projekte bündeln Diskurse des persönlichen Erinnerns, der kulturtheoretischen Reflexion sowie einzelwissenschaftlicher Spezialisierungen in einer narrativen Struktur. In meiner Arbeit untersuche ich vergleichend, wie Inhalte naturwissenschaftlicher Modellbildung, durch Übertragung in einen weltanschaulichen Kontext als Elemente literarischer Selbstinszenierung fungieren können. Hierdurch soll ein Beitrag zu einer Wissenschaftsgeschichte geleistet werden, die nach den historisch wechselnden Bedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis fragt und dabei Konzepte, Annahmen und Aussagen der einzelnen Disziplinen genauso in den Blick nimmt, wie die Präsentationen und Repräsentationen des wissenschaftlichen Subjekts.


Julian Drews [jdrews[at]uni-potsdam.de]
Postdoktorand, 1.7.2013 - 31.12.2013
Lebenswissen in autobiographischen Texten europäischer Wissenschaftler um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Wilhelm Ostwald und Santiogo Ramón y Cajal

Der Chemiker Wilhelm Ostwald (1853 – 1932) und der Histologe Santiago Ramón y Cajal (1852 – 1934) sind herausragende Vertreter ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen. Ostwald erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie, Cajal 1906 den für Medizin. Beide setzen ihre Forschung zu zentralen kulturellen Fragestellungen des Europas der Jahrhundertwende in Beziehung. Ihre umfangreichen autobiografischen Projekte bündeln Diskurse des persönlichen Erinnerns, der kulturtheoretischen Reflexion sowie einzelwissenschaftlicher Spezialisierungen in einer narrativen Struktur. In meiner Arbeit untersuche ich vergleichend, wie Inhalte naturwissenschaftlicher Modellbildung, durch Übertragung in einen weltanschaulichen Kontext als Elemente literarischer Selbstinszenierung fungieren können. Hierdurch soll ein Beitrag zu einer Wissenschaftsgeschichte geleistet werden, die nach den historisch wechselnden Bedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis fragt und dabei Konzepte, Annahmen und Aussagen der einzelnen Disziplinen genauso in den Blick nimmt, wie die Präsentationen und Repräsentationen des wissenschaftlichen Subjekts.


Sarah Dornhof [sarah.dornhof[at]gmx.de]
Doktorandin, 1.10.2009 - 31.12.2012
Andere Blicke. Verletzung, Kritik und visuelle Kultur

Die Arbeit beschäftigt sich mit aktuellen Auseinandersetzungen um visuelle Kultur im Spannungsverhältnis zwischen Islam und liberaler Demokratie. Kontroversen um verletzende Darstellungen bzw. Ausdrucksformen freier Meinungsäußerung und Kritik begründen ästhetische, politische und ethische Fragen im Umgang mit pluralen und heterogenen Weisen der Visualisierung, Wahrnehmung und ethischen Begründung von Darstellungsformen.

Auseinandersetzungen um Darstellungen des Propheten Muhammad und um Repräsentationen des Islam, die Gewalt und Repression assoziieren, werden üblicherweise als Ausdruck der problematischen Beziehung zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Religionsfreiheit untersucht. Mir geht es darum, diese vorherrschende rechtliche und logozentrische Perspektive aufzubrechen und die visuellen und affektiven Dimensionen dieser Konflikte, ihre politischen Rationalitäten, wie ihre ästhetischen und moralischen Begründungen zu erschließen. Welchen Status bzw. welche Art von Lebendigkeit nehmen Bilder im Verhältnis von Sehen, Wahrheit, Macht und Erkenntnis ein?

Die Arbeit beschäftigt sich mit den Bedingungen, die es ermöglichen, von Verletzungen bzw. von säkularer Kritik an Fundamentalismen zu sprechen. Die Analyse richtet sich auf Kontroversen wie jene um Salman Rushdies Buch Die Satanischen Verse oder die dänischen Karikaturen, um daran das Verhältnis von Ästhetik und Politik und die damit verbundenen gegenwärtigen Problematisierungen von Darstellbarkeit und Ethik zu verdeutlichen.


Sarah Dornhof [sarah.dornhof[at]gmx.de]
Post-Doktorandin, 1.3.2014 - 31.10.2014
Andere Blicke. Verletzung, Kritik und visuelle Kultur

Die Arbeit beschäftigt sich mit aktuellen Auseinandersetzungen um visuelle Kultur im Spannungsverhältnis zwischen Islam und liberaler Demokratie. Kontroversen um verletzende Darstellungen bzw. Ausdrucksformen freier Meinungsäußerung und Kritik begründen ästhetische, politische und ethische Fragen im Umgang mit pluralen und heterogenen Weisen der Visualisierung, Wahrnehmung und ethischen Begründung von Darstellungsformen.

Auseinandersetzungen um Darstellungen des Propheten Muhammad und um Repräsentationen des Islam, die Gewalt und Repression assoziieren, werden üblicherweise als Ausdruck der problematischen Beziehung zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Religionsfreiheit untersucht. Mir geht es darum, diese vorherrschende rechtliche und logozentrische Perspektive aufzubrechen und die visuellen und affektiven Dimensionen dieser Konflikte, ihre politischen Rationalitäten, wie ihre ästhetischen und moralischen Begründungen zu erschließen. Welchen Status bzw. welche Art von Lebendigkeit nehmen Bilder im Verhältnis von Sehen, Wahrheit, Macht und Erkenntnis ein?

Die Arbeit beschäftigt sich mit den Bedingungen, die es ermöglichen, von Verletzungen bzw. von säkularer Kritik an Fundamentalismen zu sprechen. Die Analyse richtet sich auf Kontroversen wie jene um Salman Rushdies Buch Die Satanischen Verse oder die dänischen Karikaturen, um daran das Verhältnis von Ästhetik und Politik und die damit verbundenen gegenwärtigen Problematisierungen von Darstellbarkeit und Ethik zu verdeutlichen.


Thomas Ebke [thomas.ebke[at]gmx.net]
Postdoktorand, 1.4.2011 - 31.3.2013
Zeit der Expression. Deutsch-französische Genealogie einer spezifischen Verzweigung in Hegels Dialektik

Alexandre Koyrés 1934 vorgelegter Artikel "Hegel à Iéna" kann als erstes Zeugnis einer eigenwilligen Hegel-Lektüre gelten, die seither, mal manifest, mal unterschwellig, in der modernen französischen Philosophie zirkuliert. Dieser Lektüre zufolge spaltet sich bei Hegel die Idee des Lebens in einen logisch-begrifflichen und in einen natürlich-zeitlichen Pol, d.h. in zwei Dialektiken auf, deren systematische Vermittlung auf die Geschichtlichkeit des Menschen verweist. Mein Forschungsvorhaben setzt sich zum Ziel, zwei bislang unverbundene Ausformulierungen dieser These einer inneren Duplizität von Hegels dialektischem Projekt erstmals aufeinander zu beziehen. Auf der einen Seite meiner "Erzählung" verläuft eine Linie innerhalb der modernen französischen Philosophie, die Autoren wie Alexandre Koyré, Jean Hyppolite, Gilles Deleuze und Michel Foucault verbindet; auf der anderen Seite formiert sich innerhalb der deutschen Diskussion eine Genealogie, in die etwa Wilhelm Dilthey, Georg Misch, aber auch Max Scheler oder Herbert Marcuse hineingehören. Ein wesentlicher Schachzug meines Projekts soll darin bestehen, den sogenannten Pantheismusstreit und insbesondere die darin von Friedrich Heinrich Jacobi verfochtene Position als eine Art Muster für den Konflikt zu rekonstruieren, der in beiden diskursiven Traditionen unabhängig voneinander ausgearbeitet wird: Nämlich für den Konflikt zwischen einer Logik des Begriffs und einer Metaphysik der Differenz.


Felix Ensslin [subjectensslin[at]web.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Die Entbehrung des Absoluten. Das Subjekt der Nichtigkeit in Luthers Magnificat-Auslegung

Bei Martin Luther findet sich eine Zuspitzung und gleichzeitige Überwindung der scholastischen Unterscheidung zwischen der potentia dei abosluta und der potentia dei ordinata. Diese wurde eingeführt, um neben dem ontologisch-kosmologischen Denken der aristotelischen Philosphie Platz zu machen für den sprechenden Schöpfergott der abrahamischen Religion(en). Gerade in der Ablehnung dieser spekulativen Unterscheidung hebt sie Luther auf, in der Weise, dass die absoluta von der ordinata subtrahiert wird. Dies wird exemplarisch gezeigt an der Auslegung und Übersetzung des Magnificat. Durch eine Rekonstruktion mit den Begriffen Lacanscher Psychoanalyse wird dargelegt, dass diese Subtraktion des Absoluten ein Subjekt konstituiert, das mit der Lutherschen Übersetzung des scholastischen Tugendbegriff humilitas mit Nichtigkeit gekennzeichnet werden kann. Dieses Subjekt und seine Subjektivität werden im späteren Werk Luthers (De Servo arbitrio, Grosse Genesisvorlesung) verleugnet, in der Theorie der vocatio, der Berufung, ad laborans, zur Arbeit, an einen Ort in der von der ordinata strukturierten Welt verlegt. Im Gegensatz zum früheren Denken Luthers ist diese Berufung nicht mehr gebrochen durch ein verbum absconditus, d.h. durch eine wirksame, aber dem Wissen nicht zugängliche Sprachlichkeit. Nachdem beim früheren Luther die absoluta als ihre eigene Subtraktion verstanden werden kann, wird sie hier schlicht als nicht mehr geschichtsmächtig erklärt. So wird die radikale Vorstellung von Kontingenz, die in der früheren Konzeption implizit gedacht worden war, verleugnet, d.h. diejenige Kontingenz, die im Prozess von der Notwendigkeit im Durchlauf durch die Erfahrung der Unmöglichkeit an der Stelle der Lücke in der ordinata auftritt. Dieser Vorgang wird mit Hilfe der Lacanschen Umschrift der logischen Modalitäten des Aristoteles diskutiert, sowie die so gewonnenen Erkenntnisse im Kontext zeitgenössischer Theorien der Anrufung (J. Butler, V. Dollar, S. Zizek) und dem neuen Interesse an dem Apostel Paulus im Kontrast zu Luthers Paulinismus diskutiert (G. Agamben, A. Badiou, E. Santner, S. Zizek). Zum Schluss wird anhand von J. Butlers Theorie der „Psyche der Macht“, in der sie die Theorie der Anrufung durch eine Theorie des Gewissens ergänzen will, Webers These über den „Geist des Kapitalismus“ neu gedeutet.


Alexandra Heimes [heimes[at]gmx.de]
Stipendiatin, 10.2005 - 09.2008
Ästhetik und Epistemologie in Goethes Naturwissenschaft

Ausgangspunkt der Arbeit ist die These, dass Goethe in seinen Naturstudien ‚Leben’ und ‚Erscheinung’ in ein dialektisches, sich wechselseitig bedingendes Verhältnis setzt. Damit einher geht das Postulat eines notwendigen Scheincharakters des Lebens, mit dem die zeitgenössisch dominanten, teleologischen Naturkonzeptionen zu einer Ästhetik des Erscheinens umgeschrieben werden. Die Untersuchung zeigt, wie Goethe auf dieser Grundlage ein darstellungstheoretisches und epistemologisches Programm entwirft, dessen weit reichende Konsequenzen sich offenbar erst im Licht von ästhetischen Theorien des späteren 20. Jahrhunderts zur Geltung bringen. Seinen Fokus richtet das Dissertationsprojekt dabei auf die genuin sprachbezogenen Konsequenzen von Goethes Programm. Hier lautet die These, dass das Projekt einer „Kritik der Sinne“, das Goethe der Kantischen Dualität von Anschauung und Begriff entgegen setzt, vor allem in einer impliziten Reflexion auf Sprachlichkeit und Rhetorizität ausgetragen wird, die schließlich in Goethes eigener Praxis der Darstellung von Naturphänomenen untersucht wird.


Alexandra Heimes [heimesalex[at]gmx.de]
Postdoktorandin, 10.2010 – 09.2012
Anagrammatk der Geschichte. Tragödie und historische Erfahrung in der Zwischenkriegszeit

Das Projekt nimmt seinen Ausgang bei der Krise der Geschichtstheorie, wie sie in der sogenannten Zwischenkriegszeit, im Gefolge des ersten Weltkriegs und vor der historischen Zäsur des folgenden, virulent wurde. Im Zentrum steht dabei genauerhin die Krise historischer Erfahrung, die die Vergangenheit und gleichermaßen die eigene Gegenwart und Zukunft in ein unverfügbares Jenseits zu entrücken droht. Diese Problematik wird in der Arbeit zunächst in ihrer epistemologischen Dimension untersucht, wobei vor allem die zeitliche Verfasstheit, nicht nur der historisch wirksamen Vorgänge, sondern auch von deren Erkenntnis, im Vordergrund steht. Dazu werden zeitgenössische Theorien herangezogen, die die Logik geschichtlicher Prozesse jenseits von linearer Chronologie und deren kausallogischen Implikationen zu erfassen suchen, um stattdessen eine intrikate – anagrammatische – Verklammerung von sowohl vor- als auch rückgreifenden Wirksamkeiten geltend zu machen. Mit diesen Diskussionen zeichnet sich, wie gezeigt werden soll, eine grundlegende Umdeutung der Begriffe von Geschichte, Erfahrung und Erkenntnis ab, die auch dem unabsehbar Katastrophischen des historischen Prozesses ein anderes, namentlich dramatisiertes und radikales Gepräge gibt.

Es ist, so die anschließende These, die Gattung der Tragödie, die vor diesem Hintergrund eine neue, zeitspezifische Bedeutung gewinnt, insofern sie jene Aporien der Erfahrung und des Wissens wenn nicht einzuholen, so doch lesbar und reflektierbar zu machen vermag. Diese – ihrerseits problematisierende und kritische – Auseinandersetzung mit dem Tragischen erweist sich indessen nicht allein als eine Frage der dramatischen Form, sondern wird ebenso in der literarischen Prosa der Zeit zu untersuchen sein. Im zeitgenössischen Roman etwa treten genuin moderne Züge des Tragischen dort hervor, wo die Figuren sich einerseits der historischen Bedingtheit ihrer Situation und damit ihrer Handlungsmöglichkeiten bewusst werden, während sie zugleich jedoch einer schicksalhaften Gewalt unterworfen scheinen, die seit jeher über ihre Geschicke entschieden hat. Nicht selten wird dieses Narrativ des Scheiterns rückgebunden an eine Konstellation, die paradigmatisch bereits die antike Tragödie bestimmt: Die Verflechtung einer symbolischen Ordnung der ‚natürlichen’ Deszendenz, wie sie in Konzepten der Familie, der Generationenfolge und der Erbschaft institutionalisiert wird, und der rechtsförmigen Ordnung des Staates. Unter diesen Vorzeichen soll schließlich die ethische Dimension herausgestellt werden, die der Reflexion des Tragischen in der Zwischenkriegszeit implizit ist, und die genauer als eine negative Ethik des Lebendigen zu explizieren sein wird. Sie stellt zugleich die Grundlage dar, um nach der Bedingung der Möglichkeit von praktischer Freiheit sowie von Gemeinschaft „auf den Ruinen der Vaterfunktion“, jenseits der Pole von Utopie und tragischem Scheitern, zu fragen.


Zora Hesova [zorahes[at]yahoo.de]
Stipendiatin, 12.2005 - 11.2008
Al-Ghazali: The Practice of Knowledge

The dissertation examines cognitive claims of non-discursive „knowing“ in the works of the prominent theologian, philosopher and Sufi Abu Hamid al-Ghazali (1058-1111) and his contemporaries in terms of practical knowledge and cognitive practices. Al-Ghazali is known as a critic of the cognitive scope of discursive and speculative sciences (philosophy and theology) and as a proponent of what can be described as non-discursive knowledge of what is secure and essential within practical life conduct. As a theologian and a convert to Sufism, he claims – consistently with the Sufi tradition – that there is knowledge to be achieved through and consisting in specific practices (life conduct as well as what will be described as „cognitive practices“). The dissertation examines these cognitive claims, describes and attempts to conceptualize Ghazalis idea of knowledge based on orthopraxy as well as a particular form of life. The challenge is to show clearly what makes these practices a form of knowledge. Rather than focusing on their „object“ the aim is to restore – by using the example of a concrete cultural praxis – the practical, subject-oriented and sense-conferring aspect of knowledge. The dissertation has three parts: 1. Knowledge as experience; 2. Discourses of knowledge; 3. The Path: the Self as cognitive tropus.


Daniel Hoffmann-Schwartz [dhs241[at]nyu.edu]
Stipendiat, 01.07.09 - 30.06.12
The Burke Constellation: On the Rhetoric of Political Romanticism

This dissertation takes up Edmund Burke’s infamous Reflections on the Revolution in France, as well as its reception by diverse philosophers, poets, and thinkers, from the view of the question of the political in romanticism (if not of “political romanticism”) and its afterlife in 20th century culture and thought. On one hand, Burke shares with certain aspects of Enlightenment thought (particularly the Kantian tradition of moral philosophy) an emphasis upon finitude and the limits of reason, but, on the other hand, does not share this tradition’s emphasis on normativity and universality. Indeed, though there is little evidence that Burke was particularly aware of Kant, the Reflections reads as a refusal of just this Kantian movement from finitude to universality. What Burke proposes, or more to the point, performs in place of this Kantian movement is of the highest interest although – or indeed because – it cannot be reduced to a unified theoretical system, gesture, or program.

One possible way, however, of characterizing what emerges in Burke instead of normativity or moral philosophy is to say that it is the specificity of politics, or more precisely, the problem of the specificity of politics that emerges here. In its very textual and rhetorical unfolding, the Reflections thus stages politics as that which exceeds theory, as that which is, in Burke’s language, irreducibly “circumstantial.” A crucial task of reading Burke is thus to produce this necessarily absent concept of politics. At the same time – and this is precisely where Burke becomes exemplary for the fuller contours of the modern problem of politics – the absent concept of politics vies in Burke with a simple negation of politics, that is, with a regressive movement towards positive political theology; under all but unbearable pressures, the super-theoretical task of thinking the irreducibility of politics to thought collapses into a sheer apology for the necessity of mystification.

Departing from this basic theoretical schema, the dissertation thus explores various thought-figures in Burke’s Reflections, each in conversation with different literary and theoretical interlocutors: rhetoric and biopolitics (Arendt and Agamben); skepticism, revolution, and ordinariness (Wordsworth and Cavell); common-law and the exemplum (Pocock and Koselleck); Europe (Novalis and Schmitt).


Alastair Hunt [aliphunt[at]gmail.com]
Assoziierter, 09.2007 – 08.2008
The Romantic Rhetoric of Species

As human rights continue to be both dismissed as a technology of biopolitics (Giorgio Agamben) and celebrated as an ethico-political resource we cannot refuse (Étienne Balibar), Hannah Arendt’s claim that they are fundamentally perplexing has only become more convincing. My dissertation argues that our current ambivalence towards human rights is a Romantic and a literary one. Late eighteenth-century declarations of human rights occasioned in British and German Romantic writers extravagant political hopes and anxieties. The source of this Romantic ambivalence, I argue, is the knowledge that the fundamental gesture of human rights is a figurative substitution between being specifically human and bearing rights. Even in those cases where Romantic writers assume that members of the human species spontaneously bear an ethical value in their existence as human beings, the rhetorical figures that accomplish this bearing—metaphor and irony—also introduce a troubling undecidability between the human species that bears rights and the infra-human beings who remain rightless. Combining the resources of rhetorical criticism, political philosophy, and a robust ecocritical alertness to the living in general, I examine poems, novels, pamphlets, and critical and philosophical treatises in which Romantic writers declared that human being itself bears inalienable rights and proposed that literature is uniquely capable of fully forming subjects as rights-bearing human beings.


Alicja Kowalska [ala_kowalska[at]o2.pl]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Wege des Wissens. Zum Verhältnis von Literatur und Philosophie bei Stanley Cavell

In meiner Arbeit behandele ich die Frage nach dem Wissen und seiner Darstellung. Dabei wende ich mich den Bereichen der Philosophie und Literatur zu und frage nach der Wissensökonomie der beiden Diskurse. Meine Untersuchung widmet sich insbesondere der Funktionsweise von Literatur in der Philosophie. Im Mittelpunkt steht die Frage wie die Philosophie als Form des logisch-begrifflichen Wissens auf andere Diskursarten wie die Literatur zugreift und diese in den Prozess der Herstellung von Wissen einbindet. Untersucht wird, welche Formen diese Einbindung annehmen kann (z.B. das literarische Zitat, die Lektüre, das Genre), wobei die These lautet, dass diese Verwendungen des Literarischen eine Lücke im philosophischen Wissen füllen und die Heranziehung von anderen Diskursarten nicht in die philosophische Logizität übersetzt werden kann. Diese These wird anhand des philosophischen Werkes von Stanley Cavell begründet, der in seinen Arbeiten nicht nur literarische Werke, sondern auch Film und Theater heranzieht. Eine weitere Frage der Untersuchung ist, wie die Philosophie, die auf andere Diskursarten zurückgreift, sich selbst innerhalb der Trias Philosophie, Wissenschaft, Literatur positioniert und welche Art von Wissen sie postuliert und entwirft.


Anne Kraume [anne.kraume[at]gmx.de]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Inseln, Gärten, Reisen: Europa in der deutschen, spanischen, französischen und katalanischen Literatur

Die Dissertation stellt eine vergleichende Untersuchung der Konzeptionen von Europa an, die in der deutschen, spanischen und französischen Literatur in den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entworfen werden. Dabei soll die besondere Dynamik der „Idee Europa“ insofern im Mittelpunkt stehen, als der Untersuchung die These zugrunde liegt, dass Europa in der Literatur immer aus einer – räumlichen oder auch zeitlichen – Distanz heraus konstruiert wird. Aus diesem Grund stützt sich die Arbeit in besonderem Maße auf die Analyse von Texten, die von Autoren verfasst wurden, die eine bestimmte Zeit ihres Lebens im Exil verbracht haben: In den Werken von Victor Hugo, Miguel de Unamuno, José Ortega y Gasset, Eugeni d'Ors, René Schickele, Heinrich Mann, Klaus Mann und André Gide erfährt der jeweilige Blick auf Europa Veränderungen, die vor allem dem Exil und der sich daraus ergebenden Bewegung geschuldet sind, und die deshalb nicht zuletzt auch für eine spezifische Form des Lebenswissen stehen, die man als „Zusammen-Lebenswissen“ bezeichnen könnte.


Maria Muhle [maria_muhle[at]web.de]
Assoziierte, 10.2005 – 09.2006
Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Michel Foucault und Georges Canguilhem

Ausgehend von der Debatte um Biopolitik als einem möglichen Modell des zeitgenössischen Politikverständnisses wird in dieser Arbeit eine Geneaologie des Begriffs erarbeitet. Die Begriffsklärung soll über eine Untersuchung des Begriffs des Lebens vorgenommen werden, der bei Foucault explizit unterbestimmt bleibt, und so zu verschiedenen Interpretationen Anlass gegeben hat (wie z.B. Agambens Interpretation der Biopolitik in Begriffen des nackten Lebens, die eine strukturelle Identität zwischen biopolitischen und souveränen Machtmechanismen annimmt). Diese Arbeit will die Unbestimmtheit des Lebens gerade als inhaltliche Pointe verstehen, mit der Foucault auf die Produktion von Leben durch Macht und Wissen verweist: Foucault hat keinen substanziellen Begriff von Leben, da das Leben ihm Korrelat von Macht und Wissensstrategien ist. In diesem Zusammenhang ist der Bezug auf die sich um 1800 entwickelnden Lebenswissenschaften aufschlussreich, da auch hier eine permanente Neubestimmung des Lebens vorgenommen wird. Es sollen die wissenschaftsgeschichtlichen Allianzen des Foucault’schen Umgangs mit dem Leben herausgearbeitet werden, was besonders im Rückgriff auf die Schriften Georges Canguilhems zu Medizin und Biologie geschieht. Für Canguilhem ist das Leben ein dynamischer Begriff, der sich durch eine innere Normativität auszeichnet, die in der Polarität von Selbsterhaltung und Selbstüberschreitung entsteht. Die These der Arbeit ist es, dass es für eine Bestimmung der Biopolitik nicht ausreicht, sie als Politik zu kennzeichnen, die sich auf das Leben bezieht (im Gegensatz zu souveränen oder disziplinären Strategien, die sich respektive auf Rechtssubjekte und disziplinäre Individuen beziehen). Vielmehr muss die spezifische Modalität dieses Bezugs, der ein positiver und nicht repressiver ist, genauer in den Blick genommen werden. Dabei ist die These leitend, dass Biopolitik eine Form von Gouvernementalität bezeichnet, die sich am Modell des Lebens, an seiner inneren Dynamik, orientiert, um das Leben so besser, weil von Innen, zu regieren und zu regulieren. Die biopolitische Gouvernementalität bezieht sich auf das Leben der Bevölkerung nach dem Modell des Lebens.


Barbara Natalie Nagel [bnn204[at]nyu.edu]
Stipendiatin, 1.10.2008 - 30.9.2011
Der Skandal des Literalen: Barocke Literalisierungen bei Gryphius, Kleist, Büchner

Worin würde ein Konzept der Literalisierung bestehen? Die Theorie spricht da von ‚Literalisierung’, wo sie mit Autoren konfrontiert ist, die einen nicht-metaphorischen Zugang zum ‚Realen’ anstreben. In meiner Dissertation behandle ich die rhetorische Opposition von Literal- und Figurativbedeutung als komplexe, in sich widersprüchliche literarische Tradition, die wir übernehmen und deren Effekte und Dramatisierungsmodi daher genauere Untersuchung erfordern. Aufgrund der Materialität und vielschichtigen Zeitlichkeit seiner Aufführung eignet sich insbesondere das theatrale Genre des Lesedramas, das die temporale Irreversibilität des Theaters mit der rekursiven Zeitlichkeit des Lesevorgangs verbindet, zur Analyse des gewaltsamen Versuchs, Ambiguität zu reduzieren. Dieses Phänomen wird von mir in drei deutschsprachigen theatralen Texten lokalisiert: in Andreas Gryphius’ Leo Armenius, in Heinrich von Kleists Die Familie Schroffenstein und in Georg Büchners Danton’s Tod. Alle diese Stücke sind wegen angeblich mangelnder Subtilität bzw. sprachlicher Wucht kritisiert worden – Vorwürfe, die noch in ihrer Negativform ein Wissen über das Funktionieren der Literalisierung reflektieren, insofern als diese Beanstandungen implizit auf negative Allgemeinplätze über den Barockstil rekurrieren. Daher stützt sich meine Lektüre der Literalisierung in Trauerspielen auf Theoretiker des Barock wie Walter Benjamin, Richard Alewyn, Louis Marin und Jacques Lacan.


Pablo Valdivia Orozco [valdivia[at]uni-potsdam.de]
Postdoktorand, 1.10.2009 - 30.9.2011
Indiz, Komposition, Anagramm: Lektüren zum Kritikbegriff bei Jean Starobinski

In einem ersten, systematisch-einführenden Teil dieses Forschungsprojekts gilt es, Starobinskis Kritikbegriff darzulegen. Im Vordergrund steht dabei ein (Lektüre-)Begriff, der Kritik als Form und Potenz von Relation entwirft. Das hierbei auf dem Spiel stehende Lektüreparadigma liefert eine Theorie des Verstehens, die weder dialogisch angelegt noch auf Distanzreduktion ausgerichtet ist. Stattdessen wird mit dieser hermeneutischen Vokabel das relationale Verstehen des Literarischen als ein Verstehen eines Abstands bzw. eines „écart“ entworfen. Dass damit die wohl entscheidende, aber auch nur teilweise aufgehende Deckung mit Jauß‘ Begriff der ästhetischen Distanz gemeint ist, verdeutlicht sich an Starobinskis Deutung des Verstehensprozesses als einem Vernehmbar-Machen, das selbst wieder zum Sprechen einlädt. Indem also gerade nicht der „hermeneutischen Lizenz“ (Blumenberg) nachgegeben wird, schon Impliziertem zur Explikation zu verhelfen, sondern dezidiert ein Fortschreiben und Fortsprechen des Denkens gefordert wird, ist ein posthermeneutisches Kritikverständnis formuliert, das mit Dekonstruktion sich nicht deckt.

In einem zweiten Teil sollen die Relationierungsverfahren der kritischen Lektüre mit den Sprachfiguren Indiz, Komposition und Anagramm präzisiert werden. Während das Indiz noch als eine Suche positiver Spuren gelten mag, ist die Figur der Komposition eine Figur, die bereits einer vorausschauenden und zurückprojizierenden Lektüre bedarf und folglich vor allem Schwellenmomente ausstellt. Das Anagramm schließlich erlaubt die Frage nach einer Sprachgeschichte als einer nur sprachlich einzuholenden Geschichte. Geschult an Linguistik, Psychoanalyse und Etymologie ist das Konzept der Sprachgeschichte nicht nur entscheidend für die Interpretation literarischer Texte, sondern auch für eine Epistemologie, die mit ihrer Arbeit an begrifflichen Metaphern eher an Blumenberg denn an Foucault erinnert.

Der dritte und abschließende Teil sieht einige paradigmatische literarische Fallstudien zu diesen Figuren vor. Die Figur Indiz deute ich als Paradigma der Selbstbeschreibung wie sie sich insbesondere im Dispositiv der Autobiographie (Rousseau) zeigt. Die Figur der Komposition rekurriert vor allem auf die Frage der Wirklichkeitskonstitution, die ich am Dispositiv des Romans (Stendhal, Balzac) ausmache. Die Figur des Anagramms schließlich benennt das Suchen in einer Geschichte, die weder als äußerliche Spur noch als manifester Kontext zu erkennen ist, sondern eine aus einem anderen Schauplatz wirksam werdende Lektüre immer schon voraussetzt. Valérys da-Vinci-Biographie, Perecs Raumstudien und Bonnefoys Lyrik des Fragments erlauben es, eine Relation zu diesem anderen Schauplatz zu denken, dessen Zusammenhang nicht mehr einem funktionalen Paradigma unterstellt ist.


Mark Potocnik [mark.potocnik[at]gmx.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Mittelmaß. Zur Poetik des Durchschnittsmenschen

Im Fundus des anthropologischen Experimentierfeldes der Moderne findet sich eine Gestalt, die unter dem Titel „Durchschnittsmensch“ für ein Jahrhundert Karriere gemacht hat. Ausgangspunkt der diskursanalytischen Arbeit sind jene Statistiker, Mathematiker, Theologen, Schriftsteller, Philosophen und Kulturkritiker, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Wissensform etabliert haben: die „Soziale Physik“. Mit ihr tritt ein Wissensbereich auf, der eine weitläufige und komplexe Korrespondenz zwischen Körperdaten, sozialen Gesetzmäßigkeiten, Zivilisationsprozessen, Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Verbrechensdispositionen und Unfallstatistiken spannt. Es geht in der Studie um eine Poetologie des Wissens, die die Wissenskonstellation mit den Darstellungsverfahren der Texte korreliert. Eine solche Annahme geht mithin von der Prämisse aus, dass das Auftauchen neuer Wissensobjekte und Erkenntnisbereiche mit der Form ihrer Darstellung in Wechselbeziehung steht. So sind es nicht zuletzt die Literaten, die in Romanliteratur und Erzählungen seit der Moderne den fiktiven Charakter Durchschnittsmensch nicht nur exemplarisch in Szene setzen. Von Freytags Kontoristen über Omptedas Normalmenschen zu Döblins Kugelmenschen reichen die Versuche, ihm eine feste Gestalt, eine Figur, Form und Wirklichkeit zu verliehen. An dieser „Poetik des Durchschnittsmenschen“ lässt sich Genese und Konjunktur einer Lebensform ablesen.


Bruno Quélennec [superbubu42[at]yahoo.de]
Stipendiat, 1.10.2008 - 30.9.2011
Esoterischer Höhlenausgang. Zur ‚politischen Philosophie‘ von Leo Strauss

Die Dissertation beansprucht, das Werk von Leo Strauss zu re-interpretieren, bzw. es in einem anderen politisch-theoretischen Kontext zu verorten, als dies bisher in der Literatur geschehen ist. Erst durch diesen Terrainwechsel tritt - so meine These – kann politisch-philosophisches Projekt voll zu Tage treten.

Strauss wird im vorliegenden Zusammenhang als ‚postfundamentalistischer’ Denker gelesen. Mit diesem Neologismus hat Oliver Marchart eine theoretische Konstellation - hauptsächlich des französischen Links-Heideggerianismus - bezeichnet, die der „fundamentale[n] Dimension der Gründung unter Bedingung der Kontingenz“ Rechnung getragen hat. Das Denken von Leo Strauss kann als Postfundamentalismus von rechts oder Neokonservatimus bezeichnet werden, da er den Philosophen die doppelte Rolle zuspricht, die Brüchigkeit und Spaltungen jeder politischer Ordnung sichtbar zu machen (‚ESOTERIK’), und sie zugleich rhetorisch zu verdecken, um die Stabilität des Gemeinwesens zu gewährleisten (‚EXOTERIK’). Strauss verfolgt in seinen philosophiehistorischen Studien die Geschichte dieses double-bind, das der ‚politischen Philosophie’ inhärent sei (zugleich politische Philosophie und politische Philosophie), von Platon bis Heidegger. Dies erweist sich jedoch vor allem als Projektion der eigenen politisch-philosophischen Praxis im Kontext des amerikanischen cold war liberalism auf die Philosophiegeschichte. Ich untersuche in meiner Dissertation, wie Strauss in diesen politischen Kontext interveniert und Grundsignifikante des amerikanischen Liberalismus ultra-konservativ re-signifiziert. Zugleich soll geprüft werden, wie seine Überlegungen zu und seine Praxis der exoterisch-esoterischen ‚Kunst des Schreibens“ durch eine Interpretation ‚gegen den Strich’ für eine radikaldemokratisch inspirierte Geschichte der politischen Philosophie fruchtbar gemacht werden können.


María Teresa Quirós-Fernández [teresa_quiros[at]hotmail.com]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Leben(s)formen/Lebenswissen. Stereophonie der Autobiographie am Beispiel von Memoria de la melancolía und La arboleda perdida

Das Dissertationsprojekt widmet sich den Autobiographien des bekannten spanischen Schriftstellerpaares María Teresa León (1903-1988) und Rafael Alberti (1902-1999), das als Gegner der von Franco errichteten Diktatur nahezu vierzig Jahre im argentinischen und italienischen Exil verlebte. Im autobiographischen Schreiben reagierten beide auf den Verlust lebensweltlicher Bezugspunkte, verarbeiteten die spezifische Situation eines Lebens im Exil und nutzen den literarischen Raum, um politische Vorstellungen in Abgrenzung zum offiziellen nationalen Diskurs des Heimatlandes Spanien zu übermitteln. Die Literarisierung der jeweiligen Lebenserfahrungen beider Autoren steht in Wechselwirkung mit kulturellen, politischen, gesellschaftlichen etc. Gegebenheiten wie sie erlebt und in diesen Texten neu in Beziehung gesetzt, literarisch konstruiert bzw. dekonstruiert, immer wieder neu verhandelt und erinnert werden und führen in dieser Hinsicht weit über den jeweils individuellen Lebensbericht hinaus. Diesem komplexen Netzwerk und der Choreographie der LebensLäufe, die sich im autobiographischen Schreiben dieses Paares herausbildeten, soll in der Dissertation nachgespürt werden, um die Frage nach der Hervorbringung und Darstellung eines spezifischen Lebenswissens innerhalb dieser im Exil entstandenen Autobiographien zu stellen. Als eine umfangreiche, gemeinsam geleistete Erinnerungsarbeit liefern die autobiographischen Texte Leóns und Albertis über die besondere literarische Verwobenheit der TextLeben hinaus sowohl einen wertvollen Beitrag zur Herausbildung des kulturellen Gedächtnisses der damals das Exil erfahrenden SpanierInnen als auch zur gegenwärtigen intensiven Diskussionen in Spanien zum Umgang mit der Vergangenheit.


Francesca Raimondi [fraimondi[at]web.de]
Stipendiatin, 04.2007 – 05.2009
Geteiltes Leben. Zu einem Begriff demokratischer Politik

Die Arbeit nimmt ihren Ausgang von der Diagnose, der liberalen Demokratie liege eine Tendenz zur Entpolitisierung zugrunde und diskutiert Positionen aus dem 20. Jh. (Carl Schmitt, Hannah Arendt, Claude Lefort, Jacques Derrida, Jacques Rancière), die dieser Entpolitisierung mit der Entfaltung eines genuinen Begriffs des Politischen zu begegnen versuchen. Dabei wird gezeigt, dass die Bemühungen um einen solchen Begriff des Politischen nicht nur darauf abzielen (und dies auch schon bei Schmitt und Arendt nicht), eine angeblich verloren gegangene Dimension des Politischen wieder geltend zu machen. Vielmehr wird herausgearbeitet, dass sich darin die Konturen eines neuen Verständnisses demokratischer Ideen (allen voran Freiheit und Gleichheit) ablesen lassen, deren Formulierung wiederum in Reaktion auf die veränderten Bedingungen politischer Praxis erfolgt.


Daniel Reichelt [daniel.reichelt[at]gmx.net]
Stipendiatin, 04.2008 - 03.2011
Wider (besseres) Wissen. Zum impliziten Handlungsbegriff im Werk Heinrich von Kleists.

Wider Wissen handelt jemand, der es eigentlich besser weiß, besser wissen sollte, besser wissen könnte. Der umgangssprachlichen Formulierung eingeschrieben ist eine qualitative aber auch temporale Vorzüglichkeit desjenigen Wissens, das uneingelöst als »besseres« in ein agonales Verhältnis zu unbedachten oder moralisch fragwürdigen Handlungsweisen tritt. Letztere sind in Kleistschen Szenarien allerdings eher die Regel als die Ausnahme. In Misskredit geraten dabei jedoch weniger die jeweiligen Akteure; eher schon ein von der Aufklärung allzu euphorisch vertretener Vernunftoptimismus. Das Dissertationsprojekt widmet sich anhand einer Analyse ausgewählter Dramen und Erzählungen der Frage, inwieweit Kleists literarisches Schaffen einen konstruktiven Beitrag zur Neuanordnung der Größen Wissen, Handeln und Zeit leistet. Der Fokus liegt dabei auf einer Anatomie des den Werken zugrunde liegenden Handlungsbegriffs, wobei vor allem zu untersuchen ist, inwieweit die zeitliche Abfolge der distinktiven Handlungsmomente Intention, Vollzug und Ergebnis redefiniert wird.


Johann Reißer [johann.reisser[at]web.de]
Stipendiat, 1.10.2008 - 30.9.2011
Spracharchäologie und Sampling – Postavantgardistische Ortungen der Lyrik bei Brinkmann, Kling und Köhler

Wenn man die Avantgarden als reflexive Kritik des Systems der Kunst versteht, so verfolgen nach den Avantgarden sich ansiedelnde Kunstansätze vielfach eine Verbindung von Analyse und Performanz konkreter Gegenstände. In der deutschen Lyrik seit 1970 stehen für einen solchen Ansatz exemplarisch Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Kling und Barbara Köhler. Sie erschließen Sprachwirklichkeiten poetisch für die Gegenwart, wobei eine archäologische Schichtenrekonstruktion als Sampling exemplarische Sprachmaterialien aus gegebenen Kontexten umgesetzt wird. Kritische Analyse und dynamische Performanz verschränken sich.

In diesem Projekt sollen Lyrik und Poetik von Brinkmann, Kling und Köhler mit theoretischen Diskussionen zur Moderne und Nachmoderne (Deleuze, Foucault, Kittler, Luhmann) wie mit neueren Kunstproduktionsverfahren (Elektronische Musik, Installation, Medienkunst, Performanz) und konkreten Geschichts- und Medienkontexten in Verbindung gebracht werden, um Funktion und Wirkungsrichtung der poetischen Konzepte verständlich zu machen. Statt als subjektiver Ausdruck oder Reflexion der Sprache erscheint Lyrik so als hybrid-organisches Arrangement inszenierter Sprachmaterialien in vieldimensionalen Sprachenräume.

Im Einzelnen wird dies im Zusammenspiel der Darstellung konkreter Räume mit spezifischen Schnitt- und Montageverfahren und der Positionierung im Verhältnis zu modernen und avantgardistischen Poetiken entwickelt. Im thematischen Fokus der Untersuchungen stehen bei Brinkmann die Umbrüche zwischen amerikanischer Massenkultur und deutscher Geschichte, bei Kling die sprachlichen Ordnungen und Schichtungen kulturgeschichtlicher Räume und bei Barbara Köhler die Sprachformungen des Subjekts zwischen Diskursen und Medien.


Sophia Rost [sophia_rost[at]hotmail.com]
Stipendiatin, 01.04.2009 – 31.03.2012
Zur Frage der Säkularisierung der Philosophie am Beispiel des Begriffs der Transzendenz bei Immanuel Kant und Karl Jaspers

Immanuel Kant (1724-1804) hat mit seinen drei Kritiken die Philosophie grundlegend erneuert und sie von religiösem und metaphysischem Dogmatismus befreit. Das Interessante an Kants Philosophie ist dabei, dass sie trotz ihrer Säkularität einen wichtigen Bezug zur Transzendenz und zum Glauben behält. In dem Projekt gehe ich der Problematik nach, wie weit Kants Säkularisierung der Philosophie voranschreitet. Im Fokus stehen die Fragen: Was sollte sinnvoller Weise unter Säkularisierung verstanden werden? Was versteht Kant jeweils in den drei Kritiken unter Transzendenz? Welche Stellung und Funktion behält er dem Transzendenten noch vor? Gibt es einen konzeptuellen Zusammenhang zwischen seinem Begriff des Menschen und dem der Religion?

Auch knapp 150 Jahre später spielt Transzendenz noch in Karl Jaspers’ (1883-1976) dreibändigem Werk Philosophie (1932) eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Existenzerhellung des Menschen. Als Referenzautor für das 20. Jahrhundert soll Jaspers’ Ansatz mit Kants verglichen werden und daraus Schlussfolgerungen auf die Aktualität beider Ansätze gezogen werden.


Frank Ruda [frank.ruda[at]ruhr-uni-bochum.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der Hegelschen Rechtsphilosophie

Die Dissertation erarbeitet ein bislang ungeschriebenes Entstehungsmoment des Denkens des frühen Marx und dessen Konzeption des Proletariats. In ihr steht dabei die Analyse der Hegelschen Konzeption des Pöbels im Vordergrund. Dabei wird die zentrale These verfolgt, dass die frühen Marxschen Überlegungen zum Proletariat sich allein vor dem Hintergrund des Hegelschen Pöbels – dem einzigen Problem, so die weiterführende These, welches das Hegelsche Denken nicht aufzuheben fähig ist – systematisch erläutern lassen. Der Pöbel wird von Hegel in der Rechtsphilosophie als eine eigentümliche Gestalt absoluter Privation, absoluten Mangels eingeführt. Sein spezifischer Entstehungsort ist dabei die Armut, jedoch zeichnet sich der Pöbel durch einen sich immer weiter vertiefenden Verlust aus, der ihn schließlich jeglicher Bestimmung beraubt. Die Dissertation rekonstruiert demgemäß detailliert die Logik der Emergenz des Pöbels und in der Folge, die sich durch ihn für die ‚idealistische’ Dialektik Hegels ergebenden Probleme. So wird gezeigt, dass am Pöbel als absoluter Privation innerhalb der dialektischen Bewegung der Rechtsphilosophie die Genese eines neuen, eines anderen Begriffs der Unbestimmtheit – der zentral mit dem der Unmöglichkeit verknüpft ist und in der Folge auf einen anderen unhegelianischen Begriff der Gleichheit führt – denkbar wird. Dieser andere Begriff der Unbestimmtheit, so die These, entzieht sich selbst noch der dialektischen Bestimmung als unbestimmter bestimmt zu sein. Die Arbeit unternimmt so die Freilegung dessen, was in Hegel mehr als Hegel gewesen sein wird; was in Hegel über Hegel hinausgewiesen haben wird. Die Dissertation liefert daher einen Beitrag zum Verständnis nicht allein der Hegelschen Rechtsphilosophie, sondern offeriert eine Neulektüre des vielfach diskutierten Verhältnisses von Hegel und Marx.


Melanie Sehgal [sehgal.melanie[at]gmail.com]
Empirismus als Konstruktivismus. Metaphysik der Erfahrung und ihre Methode bei W. James und A.N. Whitehead

Sowohl William James (1842-1910) als auch Alfred North Whitehead (1861-1947) verpflichten die Philosophie auf einen radikalen Erfahrungsbezug. Gleichzeitig und trotz ihrer dezidierten Kritik an der klassischen Metaphysik halten sie jedoch an der Notwendigkeit einer Metaphysik fest. Dabei fassen sie sowohl den Metaphysik- und als auch den Erfahrungsbegriff auf eine Weise neu, dass diese keine sich letztlich ausschließenden Gegenpole mehr bilden, sondern Metaphysik gerade als eine Philosophie der Erfahrung rekonstruierbar wird. Dies wird nicht zuletzt möglich durch den Einsatz einer neuen Methode: des Pragmatismus, der – quer zu gängigen philosophiehistorischen Einteilungen – ihr Denken als konstruktivistischen Empirismus oder eben als Metaphysik der Erfahrung beschreibbar macht. Ausgehend von James’ profunder Reformulierung des Erfahrungsbegriffs im Rahmen seiner Psychologie sowie seiner Philosophie des ‚radikalen Empirismus’ verfolgt die Dissertation die Etappen der Herausbildung einer solchen Metaphysik bei Whitehead anhand der spezifischen Rolle, die – so die These – Whiteheads Jameslektüre dabei spielt. In dieser Perspektive rückt die Geschichtlichkeit einer solchen Metaphysik ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die sie als eine ‚situierte Metaphysik’ beschreibbar macht.


Dirk Setton [dirk.setton[at]berlin.de]
Postdoktorand, 08.2006 - 02.2007
Lebendiges Nicht-Wissen. Zum Verhältnis von Leben und Wissen in der Lebensphilosophie und philosophischen Anthropologie

Das Forschungsvorhaben verfolgte das Ziel, die diskursive Formation der Lebensphilosophie und der philosophischen Anthropologie im Hinblick auf das Verhältnis von Leben und Wissen zu befragen. Die Grundidee, die hier einen neuen Zugriff vor allem auf das Projekt der Lebensphilosophie leiten sollte, bestand darin, dass deren Hauptthesen einzig auf der Basis eines internen Verhältnisses von Leben und Wissen begreifbar sind. Die Pointe dieses Zugriffs wurde dann so gedeutet, dass jene Thesen auf ein Verhältnis von Leben und Wissen hinauslaufen, das wesentlich von der Struktur eines positiv verstandenen Nicht-Wissens oder einer Verkennung geprägt ist. Die Aufmerksamkeit des Forschungsprojekts hatte sich auf die verschiedenen Beschreibungen und Erklärungen dieses Nicht-Wissens gerichtet, die die Hauptvertreter der Lebensphilosophie (Nietzsche, Bergson) und, an diese kritisch anschließend, der philosophischen Anthropologie (Gehlen, Plessner) vorgeschlagen haben. In diesem Zusammenhang sollten zwei paradigmatische Fassungen des Nicht-Wissens herausgearbeitet werden.


Björn Sydow [bjsydow[at]gmx.de]
Assoziierter, 10.2005 - 09.2008
Philosophische Anthropologie der Leidenschaften

Im Anschluss an H. Plessner verstehe ich unter einer Leidenschaft für etwas das hingebungsvolle Ausgerichtetsein einer Person auf dieses Etwas und damit das Bestimmtsein von diesem Etwas. Philosophische Ansätze, die die menschliche Praxis in erster Linie als diejenige vernünftig handelnder Subjekte rekonstruieren, stellen die so verstandenen Leidenschaften auf die Seite dessen, was sich der Vernunft als der eigentlichen Spezifik des Menschen widersetzt. Sie sprechen den Leidenschaften ab, dass in ihnen selbst Menschsein als Freiheit gelingt. Philosophische Ansätze dagegen, die die Leidenschaften und ihnen verwandte Phänomene ernst nehmen, neigen dazu, menschliche Praxis als Spielplatz kausaler oder irrationaler Kräfte zu verstehen. Mit der plessnerschen Kategorie der exzentrischen Positionalität ist es möglich, die Leidenschaften aus der gleichen Struktur heraus zu verstehen wie menschliche Personalität und die mit ihr verbundene Freiheit.

Postdoktorand, 1.10.2009 - 30.6.2011
Kritik psychopathologischen Wissens

In meinem Projekt ziele ich auf eine kritische Rekonstruktion von Begriffen aus dem Bereich der Psychopathologie ab, mit deren Hilfe pathologische menschliche Wirklichkeit charakterisiert wird und die implizit mit einem Begriff des glückenden Menschseins verknüpft sind. Unter kritischer Rekonstruktion verstehe ich die Klärung der Frage, ob und wie sich (diese) Begriffe auf die erfahrbare Wirklichkeit beziehen. So ergibt sich einerseits die erkenntnistheoretische Herausforderung, den Bereich der erfahrbaren Wirklichkeit so auszuloten, dass der Mensch als Ganzer darin Platz findet und nicht etwa nur als Körper unter Körpern, und andererseits die am psychopathologischen Diskurs ansetzende Herausforderung, das darin angelegte Verständnis des Menschseins herauszuarbeiten, um schließlich beides aufeinander zu beziehen.


Kathrin Thiele [kthiele.post[at]gmail.com]
Postdoktorandin, 03.2007 - 02.2009
Politisches Denken in Zeiten der Lebens-Politik. Zur Kippfigur von Demokratie und Bio-Politik

Meinem Forschungsvorhaben geht es um die Frage, wie und ob wir heute noch von einem genuin politischen Charakter der Politik ausgehen können, oder ob nicht das, was generell unter dem Namen der Bio-Politik (Foucault) gefasst wird, der einzige Politikmodus ist, der sich dauerhaft und effektiv durchsetzt. Während der Blick auf gesellschaftspolitische Verhältnisse relativ eindeutig zeigt, dass die Frage von Politik/Bio-Politik keine ist, die nach einer Seite hin einfach aufzulösen wäre, so bleibt doch die politiktheoretische Frage nach der Möglichkeit und der Notwendigkeit von Politik als Politik – im Unterschied zu bio-politischen ‘policies’ – weiter offen. Was also heißt heute noch ‘politische Denken’? Das Anliegen, das diesem Forschungsvorhaben zugrunde liegt, besteht damit einerseits darin, ausgehend von dem Befund, dass die uns heute in allzu vielen Bereichen lediglich reglementierende Bio-Politik einer zunehmenden Entpolitisierung Vorschub leistet, nach Ansatzpunkten zu suchen, politisches Denken also solches wieder zu aktivieren. Hier schließt sich das Projekt an Theorien radikaler Demokratie (Laclau/Mouffe), Demokratisierung der Demokratie (Balibar, Ranciere), des Begriffs eine kommenden/unerreichten Demokratie (Cavell, Derrida) an. Andererseits geht es diesem Projekt aber auch darum, das prekäre Verhältnis von Demokratie und Bio-Politik, die Kippfigur, die beide seit Ausgang dessen bilden, was wir heute Aufklärung nennen, sowohl historisch als auch begrifflich genauer zu spezifizieren, um weniger einem idealtypischen Verständnis von Politik zuzuarbeiten, als vielmehr den Diskursen zu folgen, die uns zu dem machten, was wir heute sind. In seiner Durchführung geht es dem Projekt so nicht nur um die aktuelle Fragestellung nach dem Zustand unserer Demokratie heute, sondern auch – und vielleicht letztlich vornehmlich darum – die ‘vergangene Gegenwart’ einer erneuten Analyse zu unterziehen, eine Genealogie unseres Politikverständnisses zu erarbeiten, die auch einem lebendigerem Politikverständnis heute neue Impulse geben kann.


Pablo Valdivia Orozco [p.valdivia[at]web.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Weltenvielfalt. Zur transarealen Poetik des lateinamerikanis(tis)chen Romans vom Boom bis heute am Beispiel der Konstellation García Márquez, Cisneros und Bolaño (1967 - 2004)

In meiner Dissertation versuche ich, den Begriff der Weltenvielfalt als roman- und fiktionstheoretischen Begriff zu etablieren. Jenseits der Fallstudien zum lateinamerikanischen Roman des Booms bis heute stellt sich die tiefergelegte Frage, inwiefern literarische Fiktionen als eine säkuliersierte, innerweltliche, nicht mehr kosmologische Fassung des Weltenvielfaltmotivs zu begreifen ist. Das meint: Soll Weltenvielfalt im Sinne eines fiktionstheoretischen und proto-säkularisierenden Begriffs funktionieren, dann impliziert dies eine Revision der theologischen Formel einer diesseitigen und jenseitigen Welt insofern, als diese nun in eine, ja die Welt selbst projiziert wird; Wirklichkeiten im Plural werden also nicht mehr vertikal geordnet, sondern sind prinzipiell auf der gleichen Ebene zu verorten und können sich auch überlappen Die entscheidende Implikatur dieser veränderten Topologie nun ist weniger ihre Herkunft, dass also die Vielfalt und prinzipielle Unendlichkeiten von gelebten und möglichen Welten auf die Kraft eines Schöpfers oder auch auf ein Ordnungsprinzip des Lebens verweist, sondern die dadurch ermöglichte Überzeugung, dass Weltenvielfalt eine Folge menschlichen Lebens und Handelns ist. Roman-Fiktion und vor allem die Ästhetik des modernen Romans - so die These - wären sowohl der Vollzug wie auch die Problematisierung dieser neuen Funktionsweise von Welten-Vielfalt, nunmehr auch im seinem vollem kulturellen Sinne, der in der Schreibweise von Weltenvielfalt besser umschrieben ist. Anhand von drei Fallstudien werden drei mögliche Topologien dieser kulturellen Wende in der Fiktionstheorie vorgestellt und gezeigt, inwiefern auf jeweils eigene Weise die Rede von einer anderen Welt möglich wird.


Jan Völker [jvoelker[at]zedat.fu-berlin.de]
Stipendiat, 10.2005 - 12.2006
Assoziierter, 01.2007 - 09.200
Ästhetik der Lebendigkeit

Lebendigkeit ist ein klassischer Topos ästhetischer Theoriebildung. Im inauguralen ästhetischen Diskurs zwischen 1750 und 1850 kommt der Vorstellung von Lebendigkeit jedoch besondere Bedeutung zu. In dem Promotionsvorhaben wird diese spezifische Rolle der Lebendigkeit für die Herausbildung der modernen Ästhetik untersucht. Hierbei wird zunächst anhand von Baumgartens Begründung der Ästhetik der Verknüpfung der Konzeption des Lebens und des Denkens des Schönen nachgegangen. Baumgarten positioniert die Ästhetik in einem problematischen Verhältnis von Sinnlichkeit und Ontologie, in welchem eine eigenständige Logik der Sinnlichkeit nicht begründet werden kann. Kant sucht diese Begründung in seinen frühen Schriften zu vollziehen, die Perspektive auf die Ästhetik wird ihm jedoch unmöglich. Möglich wird die Ästhetik erst auf der Grundlage einer revidierten Fassung des Lebensbegriffes. Karl Philipp Moritz’ ästhetische Schriften markieren dabei eine Seite dieser Möglichkeit, Kants Kritik der ästhetischen Urteilskraft die andere: Die Ästhetik der Lebendigkeit verbindet das gewaltvolle Werden und Vergehen der Natur mit einer Ästhetik als spezifischem Ausdruck des Menschen in der Natur.


Katja Weise [katja.weise[at]uni-potsdam.de]
Stipendiatin, 01.11.2011 - 31.10.2012
„Wissen in Bewegung – Darstellungsweisen von Kleidermode in Ausstellungen“

In meinem Projekt untersuche ich die Präsentationsweisen in Mode-Ausstellungen und frage nach dem Wissen, welches in den Ausstellungsszenografien und -narrativen hervorgebracht wird. Ich gehe davon aus, dass Kleidermode nicht nur eine Körperpraktik darstellt, sondern ebenfalls als eigenständige Wissenspraxis betrachtet werden kann. Deren Spezifik besteht darin, dass Kleid und Körper in einem Verhältnis zueinander stehen. Es ist eben diese Schnittstelle von Kleid und Körper, an der Bedeutungen entstehen, die (als) Wissen über Kleidermode in Ausstellungen inszeniert werden können. Leitend soll die Frage sein, wie sich Mode-Ausstellungen als Schau- und Wissensräume gewandelt haben. Das heißt: Wie und als was wird Kleidermode in ihnen gezeigt?

Neben der kulturhistorischen Untersuchung dieses Ausstellungsformats und seiner Veränderungen in den letzten fünfzig Jahren strebt das Projekt zudem die Entwicklung eines Analyseinstrumentariums an, mit welchem sich auch zeitgenössische, häufig als 'performativ' bezeichnete Ausstellungsprojekte beschreiben lassen. In diesen Ausstellungen gerät nicht nur das Verhältnis von Körper und Kleid, sondern auch das Wissen von und über Mode in Bewegung.


Erica Weitzman [ericaweitzman[at]yahoo.com]
Stipendiatin, 1.10.2008 - 30.9.2011
„Wayward Subjects: Comic Modernism in Walser, Kafka, and Roth“

Das Projekt erforscht die ästhetischen sowie die historisch-politischen Dimensionen des Komischen, insbesondere des Komischen, so wie es sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der deutschsprachigen Literatur des sogenannten „Mitteleuropa“ manifestierte. Das Komische wird hier weniger als eine fixe Gattung betrachtet, sondern eher als eine erkenntnistheoretische Konstruktion und eine Wahrnehmungs- und Darstellungsform. Maßgebend für das Projekt ist der Diskurs um das Komische und verwandte Begriffe im vorangehenden Jahrhundert: vor allem der berühmte Umgang Schlegels mit der Idee der Ironie, sowie die Hegelschen Begriffe des „subjektiven“ und des „objektiven“ Humors als ästhetischer Erscheinung bzw. Gegengift der romantischen Ironie. Solche Debatten formen den notwendigen Hintergrund der Entwicklung einer komischen Kunst als einer Art „dritter Weg“ zwischen dem Realismus und dem Avantgardismus im frühen 20. Jahrhundert. Dieser „dritte Weg“ ist jedoch kein bloßes Fortleben der alten komischen Tradition, sondern – gerade indem er an dieser Tradition teilnimmt – eine Ergänzung und Vertiefung, um nicht zu sagen eine Verkomplizierung, derselben. In den unterschiedlichen Arten, wie sich das Komische bei den drei untersuchten Autoren äußert, bildet das Komische auch einen Kommentar zu den früheren Formen des Komischen, stellt sie in den Vordergrund und betrachtet nicht das Komische an sich ironisch, sondern eben diese Formen des Komischen, insofern als sie für ihre eigentlichen Voraussetzungen und Auswirkungen blind bleiben. Dadurch wird das Komische weder in einer festen Form gewahrt noch vernichtet oder aufgehoben, sondern als ironisches Komisches sogar zu einer Basis des Ästhetischen und Ethischen der Epoche.


Peter Wierbinski [pwiersbinski[at]gmx.de]
Stipendiat, 10.2008 – 07.2009
Objektivität und Endlichkeit der praktischen Vernunft

Verschiedene Menschen halten Verschiedenes für das Gute und Richtige, und handeln dementsprechend. Das gilt nicht weniger von einzelnen Menschen als von Angehörigen verschiedener Kulturkreise oder solchen, die in unterschiedlichen historischen Epochen gelebt haben. Zu dieser Tatsache der Relativität von praktischen Orientierungen und Lebensentwürfen sind auf den ersten Blick zwei verschiedene philosophische Haltungen möglich. Beide schließen sich wechselseitig aus. Die erste besagt, dass Menschen dort, wo sie Verschiedenes für das Richtige und Gute halten, unter unterschiedlichen Ordnungen des Richtigen und Guten stehen. Sie beantwortet das Phänomen der Relativität mit dem Theorie des Relativismus. Die andere besagt, dass dort, wo es Relativität gibt, wenigstens eine der verglichenen Seiten mit ihrer Meinung darüber, was richtig und gut ist, im Unrecht sein muss. Sie reduziert Relativität auf Irrtum, oder – allgemeiner – Fehlgehen. Beide Haltungen erfassen etwas vom Wesen der praktischen Vernunft, aber beide unterschätzen die Komplexität und interne Differenziertheit dieses Vermögens. Die verschiedenen Aspekte der Endlichkeit der praktischen Vernunft zu beschreiben, bedeutet, dem Phänomen der Relativität Rechnung zu tragen, ohne ihre Natur als ein Vermögen zu Erkenntnis und Wissen in Frage zu stellen.


Sophie Witt [witt.sophie[at]gmail.com]
Stipendiatin, 1.10.2008 - 30.9.2011
Maßnahme und Ausmaß. Struktur und Historizität der Szene

Ausgehend von Freuds Problematisierung der Deutbarkeit durch den „anderen Schauplatz” befragt mein Dissertationsprojekt die Szene des Textes im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als dasjenige raum-zeitliche Moment, in dem sich Theorie und Verfahren der Texte ineinanderfalten und der deutende Zugriff instabil wird – sowohl der sie durchziehende Selbstkommentar der Texte, als auch die literaturwissenschaftliche Interpretation. An der Lektüre eines signifikanten Einsatzes der (Theater)Theorie im frühen 20. Jahrhundert – an Bertolt Brecht und Antonin Artaud und ihrer impliziten Bezugnahme auf die antike Rhetorik – kann die textuelle Szene als Zusammenkommen von Technizität und Wirksamkeit, als rhetorische Maßnahme und historisch-politisches Ausmaß von Texten befragt werden. Die Lektüre dieser Theatertheorie wird dabei selbst auf eine andere Szene verlegt: spielen doch die platonische mimesis – die Sorge um die Rede in eigener Person – und die aristotelischen Figuren enargeia (detailreiches Bild als rhetorische Maßname) und energeia (Wirklichwerden als politisches und historisches Ausmaß) eine für den text- und theatertheoretischen Einsatz beider Autoren weit gewichtigere Rolle als ihr notorischer Antiaristotelismus vermuten lässt. Ausgehend von dieser Problematisierung der textuellen Szene verfolgt mein Projekt anhand ausgewählter Texte von Henry James (1843-1916) eine Re-Lektüre des Übergangs von „realistischer” zu „modernistischer” Literatur, indem die szenische Rahmung als ein Ineinanderfalten der Figuren des Wirklichen und des Möglichen untersucht wird. Hintergrund dieser Befragung bildet die im Roman seit seiner Erfindung implizite Trias Form-Leben-Geschichte, die die rhetorischen Figurationen form-, lebens-, und geschichtsphilosophisch abzulösen trachtet und rhetorische Technizität und Wirksamkeit in eigener Weise aufnimmt. Als implizite Szene der Geschichte bleibt der Roman jedoch an das Epos, seine in der Gattungspoetik geregelte Form und seinen rhetorischen Lebens- und Geschichtsbegriff, gebunden, wobei sich das Versprechen des Romans am Prüfstein des Epos prüfen lässt. In einem dritten Teil befragt mein Dissertationsprojekt daher die Relikte des Epos im Roman um 1900 (Thomas Mann) und sein Vorausweisen auf einen möglichen „anderen” Lebens- und Geschichtsbegriff (Jorge Luis Borges). Mein Dissertationsprojekt versteht sich so einerseits als eine texttheoretische Befragung, die zugleich versucht, eine bestimmte historische – „moderne” – Konstellation anzuordnen.


Nikolas Zok [nikolaszok[at]yahoo.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Zur Rhetorik des Lebens bei Nietzsche

Die Dissertation untersucht den Begriff des Lebens innerhalb der Philosophie Friedrich Nietzsches, wobei insbesondere dem rhetorischen Aspekt von Nietzsches Schriften Rechnung getragen werden soll. Die Arbeit nimmt ihren Ausgangspunkt von den expliziten rhetorischen Reflexionen des frühen Nietzsche, die in der Nietzscheforschung unter dem Titel der Tropologie diskutiert werden. Nietzsche versucht hier den durchgängig tropisch-figuralen Charakter der menschlichen Sprache aufzuzeigen, der dem Menschen jeden Zugang zu einem Ursprung, einem Sein und einer Wahrheit im substanzmetaphysischen Sinn verwehrt und das philosophische Programm der platonischen Tradition zu einem rein rhetorisch-persuasiven Vorgang werden lässt. Da diese Problematik aber den Begriff des Lebens – der in so ziemlich allen Schriften Nietzsches überaus zentral ist – genauso betrifft wie die metaphysischen Begriffe und Nietzsches Antwort auf diese Problematik bekanntlich nicht in einem Verzicht auf Philosophie, sondern in einer umkehrenden Wiederaufnahme derselben besteht, ist es aufschlussreich, den Lebensbegriff in direktem Zusammenhang mit seiner persuasiven Präsentation einer genaueren Prüfung zu unterziehen.