Wrong Again Tragedys Comedy
Poetologien fehlgehenden Lebens

Tagung des Graduiertenkollegs Lebensformen und Lebenswissen
29. Juni 01. Juli 2006, Universitt Potsdam, Haus 8, Foyer



Do, 29. Juni 06 Universitt Potsdam, Haus 8, Foyer
19:00 21:00 Uhr Wrong Again Tragedy? Comedy?
Podiumsdiskussion mit Felix Ensslin, Carl Hegemann, Ren Pollesch, Juliane Rebentisch und Katrin Trstedt


Fr, 30. Juni 2006 Universitt Potsdam, Haus 8, Foyer
10:00 13:00 Uhr Normalismus und Komdie
Christoph Menke: Einfhrung

Alenka Zupancic
Right Again: Comedy's Comedy

Lutz Ellrich
Normalismus zwischen Tragik und Komik
13:00 15:00 Uhr Mittagspause
15:00 18:00 Uhr Paradigma Shakespeare
Anselm Haverkamp: Einfhrung

Bjrn Quiring
The Eclipse of Anagnorisis in "King Lear"

Elisabeth Bronfen
Shakespeares Nchte: Romeo and Juliette und The Midsummer Nights Dream

Katrin Trstedt
"Sea-change" der Komdie: Shakespeares "Sturm"


Sa, 1.Juli 2006 Universitt Potsdam, Haus 8, Foyer
10:00 13:30 Uhr Reformation und Wiederholung
Anselm Haverkamp: Einfhrung

Felix Ensslin
Zur tragischen Dimension der "humilitas" in Luthers Magnificat Auslegung

Philip Lorenz
'In the Course and Process of Time' Reformation and Repetition in Shakespeare, Caldern, and Pedro Almodvar

Martin Harries
Buster Keaton, Samuel Beckett, and the Comedy of Medium
13:30 15:00 Uhr Mittagspause
15:00 18:00 Uhr Moderne Antike
Christoph Menke: Einfhrung

Rodolphe Gasch
Heideggers Antigone

Karl Heinz Bohrer
Was wurde aus Dionysos?
Pathetisch Ironisch Tragisch: Widerspruch und Identitt

Organisation und Moderation:
Katrin Trstedt, Alexandra Heimes,
Felix Ensslin, Thomas Dikant
Alicja Kowalska, Frank Ruda



Wrong Again Tragedys Comedy: Poetologien fehlgehenden Lebens

In Rahmen der Frage nach den Poetologien des Lebens, der sich das Graduiertenkolleg Lebensformen und Lebenswissen im Sommersemester 2006 widmet, wird die Tagung Wrong Again: Tragedys Comedy zwei entscheidende poetische Muster der Artikulation und Wendung dessen ausloten, was man mit Canguilhem als ein definierendes Merkmal der Form des Lebens beschreiben kann: die Mglichkeit des Fehlers, des Irrtums, des Scheiterns. Auf einer ersten Ebene knnen fehlgehende Handlungsablufe schon in sich selbst als komisch oder tragisch betrachtet werden. In ihnen erweist sich die tragische Ironie lebendiger Praktiken (Menke), die neben ihrem tragischen ebenso ein komisches Gesicht besitzt. Auf einer zweiten Ebene knnen Komdie und Tragdie als zwei Weisen eines theatralen Umgangs mit und damit als eine Form der Wiederholung von fehlgehendem Leben begriffen werden. Die Tagung soll sich beiden Ebenen der tragisch-komischen Gestalt von Handlung wie der tragdien-komdienhaften Form ihrer Wiederholung, Darstellung und Beobachtung widmen und nach ihrem Zusammenhang fragen. Die Ironie erweist sich in diesem Zusammenhang (neben Melancholie und Humor) als eine Art master trope, die an einer Gelenkstelle zwischen Tragischem und Komischem, Tragdie und Komdie situiert ist. Insbesondere die dramatische Ironie spielt, indem sie beiden Gattungen eignet, eine herausragende Rolle, die auf ihre Scharnierfunktion zwischen Tragdie und Komdie, ihre interne Widersprchlichkeit und ihren Bezug zum scheiternden Leben hin untersucht werden soll. Das Gemeinsame der Theatralitt von Tragdie und Komdie wird auf der Tagung ebenso zur Debatte stehen wie die Verschiedenheit ihrer spezifischen Ausformung. Als Differenz von Tragdie und Komdie gilt es, die These zu befragen, da Komdie die Wiederholung des Ernsten, und Tragdie (...) dessen Erweiterung (Zupancic) sei. Die Komdie wre also immer erst die Komdie einer Tragdie und htte mit dem Prinzip der Wiederholung immer schon eine metatheatrale Ebene, wenn man Theater (und damit auch die Tragdie) als Form einer Wiederholung begreift. Der Zusammenhang von Tragdie und Komdie, in dem der Begriff der Wiederholung zentral ist, bringt damit berdies einen geschichtsphilosophischen Topos ins Spiel, den man mit Marx so ausdrcken knnte, dass geschichtliches Leben sich immer zweimal ereigne, das eine Mal als Tragdie, das andere Mal als Farce. Dabei liegt die Implikation auf der Hand, dass die Komdie als immer schon wiederholte und maskenhafte der Moderne eher entsprche als die vermeintlich authentischere Tragdie. Ein Ende der Kunst mit der Maske (Hamacher) ist damit ebenso zu diskutieren wie ein Tod der Tragdie in der Moderne (Steiner). Es ist zu fragen, warum Autoren wie Hegel oder Nietzsche ihre Weltdeutungen am Skript von Tragdie und Komdie orientieren (Gamm) und welche modernen Urteile und modernen Hoffnungen (Menke) sich an diesem Doppelhaushalt jeweils ausrichten. Auch drngt sich die Frage auf, ob in diesem Doppelhaushalt zwei gegenlufige Rhetoriken der Wiederholung Gestalt annehmen: whrend die Tragdie dem Muster einer allegorischen Lektre entsprechend nach rckwrts wiederholte und eine unabnderlich gescheiterte Vergangenheit evozierte, wrde die moderne Lektre der Komdie nach vorwrts erinnern und die unerreichbare tragische Vergangenheit gegen die fragwrdige Zukunft der Ironie (Haverkamp) eintauschen. Die in den Blick genommenen und hier aufgerufenen Reflexionsformen des fehlgehenden Lebens sollen auf der Tagung Wrong Again in ihren historischen, gattungstypischen und theoretischen Variationen untersucht werden. Die Spannweite der Reflexionsformen reicht von den klassischen antiken Tragdien des Sophokles ber Shakespeare, Kleist, Beckett bis hin zu den Hollywood Comedies of Remarriage; die der theoretischen Erfassung des Feldes von Aristoteles ber Marx, Kierkegaard und Nietzsche bis zu Benjamin und Cavell. Wenn es richtig ist, dass die Tragdie des Schicksals und die Komdie des Charakters, darin zusammgehren, dass sie das natrliche Leben, die Natur im Menschen betreffen, wie Benjamin in Schicksal und Charakter schreibt, so verspricht eine gemeinsame Untersuchung der verschiedenen Formen von Tragdie und Komdie mehr als nur eine Erschlieung bestimmter poetischer Formen. Sie verspricht zugleich Aufschluss ber die Struktur eines so poetisch erschlossenen Begriffs vom Leben.

Katrin Trstedt
GK Lebensformen und Lebenswissen